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Kaiserdom Königslutter: ein Ort zum Beten, Hören, Sehen, Lernen und Staunen

  • Datum: 6. Januar 2019
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 (Bildrechte: A. Greiner-Napp / Fotoarchiv der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz)
Foto von Beate Ziehres
Beate Ziehres
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Der Kaiserdom in Königslutter zählt zu den über 100 ZeitOrten in der Region Braunschweig-Wolfsburg. Das romanische Bauwerk ist Grabstätte von Lothar III., einem Kaiser des römisch-deutschen Reichs, und gilt als sächsisches Gegenstück zum salischen Dom in Speyer. Die repräsentative Grabstätte Lothars und seiner Familie sei die am reichsten ausgestattete in Deutschland, sagt Dr. Norbert Funke.

Dr. Norbert Funke am Portal des Kaiserdoms.
Dr. Norbert Funke am Portal des Kaiserdoms. (Foto: Beate Ziehres)

Das glaube ich gerne. Wann immer ich vor oder im Kaiserdom stehe, erfasst mich andächtiges Staunen. Ich frage mich, wie es den Arbeitern mit den Hilfsmitteln des 12. Jahrhunderts gelungen ist, dieses Bauwerk zu errichten. Wie lange die Bildhauer benötigt haben, um beispielsweise die Säulen im Kreuzgang und den berühmten Jagdfries fertigzustellen. Und nicht zuletzt, mit welchen Mühen die historistische Ausmalung verbunden war.

Norbert Funke ist Bauhistoriker und arbeitete ursprünglich im Museum neben dem Gotteshaus. Wenn er aus dem Fenster schaute, fiel sein Blick auf den Kaiserdom und sein Herz begann zu hüpfen.

Wie der Kaiserdom zum Leben erweckt wurde

Im Jahr 2010 änderte sich mit dem Abschluss umfangreicher Restaurierungsarbeiten alles. Zur Feier der 875-jährigen Grundsteinlegung der Kloster- und Grabeskirche hatte man rund 9 Millionen Euro investiert. Landesbischof Weber sprach dann auch davon, den Kaiserdom angesichts dieser Bemühungen aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken. Das Gotteshaus sollte vielfältig genutzt und zu einem kulturellen Veranstaltungsort entwickelt werden. Dr. Norbert Funke wurde von der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz und der Stadt Königslutter am Elm mit der Umsetzung beauftragt.

Rund neun Jahre später spreche ich mit Funke darüber, ob dieses Vorhaben geglückt ist. „Ich denke, es ist gelungen“, resümiert er. Aus dem äußerst dichten Jubiläumsprogramm von 2010 konnten einige Formate etabliert werden, die sich noch immer größter Beliebtheit erfreuen. Dazu zählen kulturelle Veranstaltungen wie die Sommernacht am Kaiserdom und die Weihnachtskonzerte der Propstei. Heute versteht sich der Kaiserdom jedoch auch als Bildungsstätte: für Kinder, für Erwachsene und für Menschen, die in die Fußstapfen der berühmten Dombildhauer treten wollen.

Publikumsliebling Sommernacht am Kaiserdom

Ein Höhepunkt im Veranstaltungsjahr des Kaiserdoms ist die Sommernacht, die 2019 zum zehnten Mal stattfindet. „Im vergangenen Jahr war die Sommernacht innerhalb von 50 Minuten ausverkauft“, erinnert sich Funke. Das Konzept der Sommernacht, die von der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz veranstaltet wird, sieht vor, völlig unterschiedliche Stilrichtungen unter einem Dach zusammenzubringen: Rockbands, Popsänger und Klassikensembles musizieren jeweils für 30 Minuten auf verschiedenen Bühnen. Sie treten im Dom, im Kreuzganghof, im Refektorium und im Berggarten auf.

„Wir wählen die Künstler passend zu diesen sehr unterschiedlichen Räumen aus. Außerdem legen wir viel Wert auf stimmungsvolle Beleuchtung und Dekoration. Die Gäste schätzen die unvergleichliche Atmosphäre der Veranstaltungen“, weiß Dr. Norbert Funke.

Walking Act zur Unterhaltung des Publikums während der Sommernacht am Kaiserdom.
Walking Act zur Unterhaltung des Publikums während der Sommernacht am Kaiserdom. (Foto: A. Greiner-Napp / Archiv SBK)

Für Klassikfans: Domkonzerte, Propsteikonzerte, Internationale Orgelwochen

Schwerpunkte der klassischen Musik im Kaiserdom sind die Domkonzerte und die Propsteikonzerte. Die Domkonzerte, die im September zum 39. Mal stattfinden, leitet seit einigen Jahren Thomas Krause aus Walkenried. Dort ist er auch für die Kreuzgangkonzerte im Kloster verantwortlich. Mit herausragenden Konzerten lockt das Festival Jahr für Jahr ein klassikbegeistertes Publikum in die Stadt am Elm.

Ganzjährig engagiert sich der Königslutteraner Propsteikantor Matthias Wengler für die kulturelle Belebung des Kaiserdoms. Andreas Lamken kümmert sich um die Internationalen Orgelwochen, eine Kooperation mit dem Berliner Dom.

Der Kaiserdom als außerschulischer Lernort

Seit 2010 hat das zwölfköpfige Team des außerschulischen Lernorts Kaiserdom Workshops und Projekttage zu unterschiedlichen Themen entwickelt. Die Angebote wenden sich an Schulen, die gerne den Klassenzimmern für einige Stunden den Rücken kehren und mit ihren Schülerinnen und Schülern in den Kaiserdom kommen.

Die Verantwortlichen haben alle Inhalte in einen Zusammenhang mit dem historischen Kontext des Kaiserdoms gestellt. Das Augenmerk liegt dabei auf der ehemaligen Funktion des Komplexes als Benediktinerkloster. Die Angebote umfassen Geschichte, Religion, Biologie, kunstpädagogische Angebote wie Schablonenmalerei und ein Skriptorium. „Zum außerschulischen Lernort gehört auch ein Kräutergarten, in dem Heil- und Gewürzpflanzen angebaut werden. Die Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich in Workshops unter anderem mit der Wirkung der Kräuter, die bei uns im Garten wachsen, aber auch mit ihrer Verarbeitung“, berichtet Christine Jahn.

Jahn ist eine von zwei Projektleiterinnen und damit verantwortlich für die Organisation, pflegt aber auch den Kontakt zu den Schulen. Sie kennt die Lehrpläne, an denen die Inhalte der Workshops ausgerichtet sind, und sie kennt die Wünsche der Lehrer. So werden seit einigen Jahren auch ganze Projekttage angeboten. Am Vormittag starten die Teilnehmer mit einem Skriptorium- und einem Kräutergartenworkshop.

Am Nachmittag bespielt eine Theatergruppe mit mittelalterlichen Figuren den Kaiserdom. Die Schülerinnen und Schüler schlüpfen in die Gewänder von Mönch und Pilger und tauchen ein in die Welt des Mittelalters.

Sommerakademie – neue Erfahrungen im Kreuzganghof

Dem Wirken der Bildhauer des 12. Jahrhunderts können Erwachsene im Idyll des Kreuzganghofs nachspüren. Zweimal jährlich bietet die Sommerakademie acht bis zwölf Anfängern und Fortgeschrittenen die Möglichkeit, unter fachkundiger Anleitung eine Woche lang Stein zu bearbeiten. Und zwar nicht irgendeinen Stein, sondern den Originalstein, aus dem die Steinmetze aus Oberitalien Kapitelle, Säulen und Fries des Kaiserdoms geschaffen haben. „Wir haben noch letzte Vorräte Elm-Kalkstein aus einem Steinbruch, der im Eigentum der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz ist“, verrät Dr. Norbert Funke.

Die charakteristischen Eigenschaften dieses Kalksteins: Er lässt sich leicht bearbeiten und sein Staub ist nicht gesundheitsschädlich. Aber der Stein hat auch Nachteile. „Manchmal gibt es im Inneren des Blocks Überraschungen wie lose Stellen oder Versteinerungen. Es hat aber auch einen gewissen Reiz, wenn Muscheln zum Vorschein kommen, die vorher noch nie ein Menschenauge erblickt hat“, schmunzelt Funke.

Der Kreuzganghof ist genau der Platz, an dem die Bildhauer auch im Mittelalter ihre Arbeit verrichteten. „Es ist ein idyllischer Ort mit einer inspirierenden Atmosphäre. Die Teilnehmer können sich hier ganz dem Stein und ihrem Tun widmen. Sie lösen sich vom Alltag und tauchen ab in eine ganz andere Welt“, hat Funke festgestellt. Viele kommen wieder, manche sogar jedes Jahr.

Als Appetithäppchen für die Sommerakademie fungiert die Veranstaltung „Der Dom und seine Steine“, die einmal jährlich direkt im Anschluss an die Sommerakademie stattfindet. Sie beinhaltet eine Domführung und einen Besuch im Dom- und Steinmetzmuseum. Der Höhepunkt: Unter Anleitung des Sommerakademie-Leiters Hans Reijnders darf jeder mal den Hammer führen.

Ein Mann bearbeitet einen Stein in der ruhigen Atmosphäre des Kreuzganghofes.
Steinbearbeitung in der ruhigen Atmosphäre des Kreuzganghofes. (Foto: Norbert Funke)

Qualifizierte Domführungen

Unter dem Bildungsaspekt betrachtet Funke auch die Domführungen, die von der Gilde der Stadt- und Domführer angeboten werden. Er selbst sorgt dafür, dass die Führerinnen und Führer über geschichtlich, architektonisch und bautechnisch untermauertes Wissen verfügen. Regelmäßig machen die Domführer Exkursionen, um den Blick zu weiten und die Denkmalkenntnisse zu erweitern. „Vielleicht fahren wir sogar einmal nach Verona“, sagt Dr. Funke mit einem Augenzwinkern. Doch wichtig ist ihm vor allem eins: „Ich hoffe, dass viele Menschen begreifen, welches Pfund der Kaiserdom ist.“

Internationale Zukunftsperspektiven für den Kaiserdom

Funkes Aufgabe besteht darin, zu verdeutlichen, dass der Kaiserdom das herausragende Kirchengebäude der Region ist. Dies muss zum einen innerhalb der Region geschehen, denn nicht allen Menschen hier ist die Bedeutung des Bauwerks bewusst. Aber auch über die Grenzen des Braunschweiger Lands hinaus soll der Kaiserdom bekannter gemacht werden. „Es gibt in Deutschland insgesamt sieben klassische Kaiserdome. Unser Kaiserdom ist einer davon. Aber die anderen sechs erfreuen sich größerer Bekanntheit.“

Um dies zu ändern, ist Norbert Funke im Jahr 2017 mit dem Gotteshaus der europäischen Kulturroute Transromanica beigetreten. Diesem Netzwerk romanischer Bauwerke gehören ganze Staaten, beispielsweise die Slowakei, an. Aber auch Regionen wie Sachsen-Anhalt und einzelne Bauwerke haben sich der Transromanica, die von Rumänien bis nach Portugal führt, angeschlossen.

„Ich erhoffe mir von der Mitgliedschaft neue Impulse für den internationalen Tourismus“, sagt Funke, der gerne netzwerkt und auch für die Sommerakademie europaweit wirbt. Das Engagement scheint schon zu wirken. Denn als wir am Ende des Ortstermins den beiden Löwen am Portal noch etwas Gesellschaft leisten, spricht uns ein Paar aus Neuseeland an. Die Touristen sind in die Region gekommen, um den Kaiserdom zu besichtigen.

Einer von sieben klassischen Kaiserdomen in Deutschland: der Kaiserdom in Königslutter. Man sieht auf dem Bild den Dom von außen
Einer von sieben klassischen Kaiserdomen in Deutschland: der Kaiserdom in Königslutter. (Foto: A. Greiner-Napp / Fotoarchiv SBK)

Kaiserdom Königslutter

Vor dem Kaiserdom
38154 Königslutter