Zum Inhalt springen
Zurück zur Übersicht

Ein Teil von uns - neue Dauerausstellung zu deutsch-jüdischen Geschichten aus Niedersachsen in Hinter Aegidien

  • Datum: 9. Dezember 2021
  • Kommentare: 0
Blick in die Dauerausstellung (Bildrechte: © Braunschweigisches Landesmuseum, Anja Pröhle)
Foto von Jan-Christoph Ahrens
Jan-Christoph Ahrens
Alle Beiträge (20)

Die neu konzipierte Dauerausstellung „Ein Teil von uns. Deutsch-jüdische Geschichten aus Niedersachsen“ bietet seit dem 9. Dezember 2021 am Standort Hinter Aegidien in Braunschweig Einblicke in das komplexe Geflecht niedersächsisch-jüdischer Beziehungen während einer wechselvollen Geschichte des Neben-, Gegen- und Miteinanders von Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft, von Ausgrenzung, Integration und Festhalten am „Eigenen“. Auf Einladung der 3Landesmuseen Braunschweig haben wir uns beim Vorab-Presserundgang durch die Ausstellung umgeschaut.

Das Braunschweigische Landesmuseum „Hinter Aegidien“ ist Partner im Netzwerk der zeitORTE

Neu konzipierte Dauerausstellung: Worum geht es?

In Deutschland war die jüdische Bevölkerung stets eine sehr kleine Minderheit. Dennoch ist sie Teil der niedersächsischen Geschichte, denn im Mit- und Gegeneinander haben nichtjüdische und jüdische Gesellschaften den Geschichts-, Kultur- und Landschaftsraum des heutigen Niedersachsen gemeinsam geformt.

Was bedeutet es, in einer nichtjüdischen, eher ausgrenzenden, oft feindlichen Gesellschaft zu leben? Geschichten und Schicksale des 18. bis 21. Jahrhunderts bieten Einblicke in die von unsicheren Rechtssituationen und Brüchen, Blütezeiten und Katastrophen gekennzeichnete niedersächsisch-jüdische Geschichte. Stets bedeutsam sind dabei Wechselbeziehungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Gesellschaften, die immer wieder das jeweils „Andere“ zu ihrem „Eigenen“ gemacht haben. Beginnend mit Alexander David und der Wiederansiedlung von Jüd*innen in Braunschweig im frühen 18. Jahrhundert wird das Panorama über das in Seesen und Wolfenbüttel entstandene Reformjudentum, das mit den Namen Israel Jacobson und Herz Samson verbunden ist, bis zur heutigen Gemeinde in Braunschweig geführt.

Logo Braunschweigisches Landesmuseum  (Bildrechte: Braunschweigisches Landesmuseum)

"Die Sammlungen der Judaica sowie zur jüdischen Kultur des Braunschweiger Landes sind in ihrem Kern in den 1920er Jahren entstanden, als Menschen jüdischen Glaubens ihre Geschichte im Museum anerkannt und gewürdigt sahen."

Dr. Heike Pöppelmann, Museumsdirektorin des Braunschweigischen Landesmuseums

"Ähnlich war es ab 1987 mit der Einrichtung des Jüdischen Museums im Braunschweigischen Landesmuseum durch meinen Vorgänger Prof. Dr. Gerd Biegel. Für mich ist die Neueinrichtung der Dauerausstellung zur deutsch-jüdischen Geschichte in Niedersachsen eine Herzensangelegenheit, denn vor diesem Hintergrund sehe ich das Landesmuseum in einer besonderen Verantwortung“, erklärt Museumsdirektorin Dr. Heike Pöppelmann weiter.

Die Kuratorinnen Dr. Felicitas Heimann-Jelinek (Wien) und Dr. Lea Weik (Braunschweig) haben mehrere Jahre an den Sammlungen des Landesmuseums geforscht: „Unsere neue Betrachtungsweise der Sammlungsobjekte brachte bislang unbekannte Erkenntnisse über deren Herkunft zutage. So konnten wir uns den Gegenständen anders nähern und auch die Geschichten ihrer ehemaligen Besitzer*innen erzählen. Und manchmal half uns auch einfach der Zufall weiter.“

Einrichtung der Hornburger Synagoge
Einrichtung der Hornburger Synagoge (Foto: © Braunschweigisches Landesmuseum, Uwe Brodmann)

Highlight: Inneneinrichtung der ehemaligen Hornburger Synagoge

Ein einzigartiges Exponat der Ausstellung ist die barocke Inneneinrichtung der ehemaligen Hornburger Synagoge, in der sich die Wechselbeziehungen der Gesellschaften spiegeln. Sie war nach der Abwanderung der Mitglieder der kleinen jüdischen Landgemeinde im Süden von Braunschweig gegen Ende des 19. Jahrhunderts dem Verfall preisgegeben. Karl Steinacker, der damalige Direktor des Vaterländischen Museums, erkannte ihre kulturhistorische Bedeutung. 1924 ließ er mit großer Unterstützung der Jüdischen Gemeinde Braunschweig und privater Förderer die Inneneinrichtung in das Museum überführen. Infolge der spektakulären Rettungsaktion entdeckten Jüd*innen das Museum als Ort ihrer Geschichte. Durch zahlreiche Schenkungen kam eine einzigartige Sammlung zustande, in der sich sowohl jüdisch-religiöser Kultus als auch deutsche und niedersächsische Kultur spiegeln.

Antisemitisch uminterpretiert blieb das Ensemble der Hornburger Synagoge während der Naziherrschaft erhalten. 1946 wurde das Ensemble abgebaut und eingelagert. Erst 1987 stellte man die Objekte in den Museumsräumen in Hinter Aegidien wieder aus. Und erneut fanden wieder viele Schenkungen jüdischer ehemaliger Braunschweiger*innen Eingang in die Sammlung. Diese Objekte dokumentieren nun die Wirkungen des staatlichen wie des individuellen Antisemitismus, aber auch die Selbstbehauptung und das Selbstbewusstsein der jüdischen Gemeinschaft nach dem NS-Terror.

Mit der Synagogeneinrichtung im Zentrum gibt die Ausstellung heute Einblicke in das komplexe Geflecht niedersächsisch-jüdischer Beziehungen während einer wechselvollen Geschichte des Neben-, Gegen- und Miteinanders von Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft, von Ausgrenzung, Integration und Festhalten am „Eigenen“.

Was erwartet die Besucher*innen in der Ausstellung?

In den frisch sanierten und neu gestalteten Räumen des Ausstellungsorts in Hinter Aegidien lädt das Braunschweigische Landesmuseum seine Besucher*innen ein, jüdische Geschichte als integralen Teil der Niedersächsischen Geschichte neu zu entdecken. Ausgehend von den Sammlungsobjekten werden vor allem die verzweigten Lebensgeschichten ihrer ursprünglichen Besitzer*innen eine wesentliche Rolle spielen; ihre Mikrogeschichten sind Spiegel der Makrogeschichte. Zudem machten Jüdinnen und Juden durch ihre Schenkungen an das Museum den Aufbau der Sammlung im frühen 20. Jahrhundert überhaupt erst möglich.

Ideenskizze des Wiener Ausstellungsarchitekten Martin Kohlbauer
Ideenskizze des Wiener Ausstellungsarchitekten Martin Kohlbauer (Foto: © Martin Kohlbauer)

Den Inhalten der Ausstellung will der Wiener Architekt Martin Kohlbauer mit seiner Konzeption Raum geben: „Das Gestaltungskonzept der Ausstellung ‚Ein Teil von uns‘ versteht sich nicht als Designkonzept, sondern als Angebot räumlicher Sequenzen. Allererstes Exponat bleibt das in authentischer Aufstellung vorhandene Interieur der ehemaligen Hornburger Synagoge. Der museale Charakter wird durch die spezifische räumliche Intervention eines transluzenten Raumteilers für die neue Dauerausstellung herausgestrichen.“

Einige der wertvollsten Objekte der Sammlung, wie der handgeschriebene zweibändige Machsor von Alexander David oder die barocke Inneneinrichtung der Hornburger Synagoge, werden ebenso unter neuem Blickwinkel präsentiert wie religiöse Gegenstände des privaten Gebrauchs sowie Objekte, die über die Entstehung und Entwicklung der jüdischen Reformbewegung Auskunft geben. Gleichzeitig beleuchtet die Ausstellung, wie sich das Ringen um Anerkennung durch die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft, die wechselseitige Beeinflussung und die Erfahrungen von Diskriminierung, Ausgrenzung bis hin zur Ermordung in der Schoa nicht nur in den Familiengeschichten, sondern auch in den Objekten widerspiegelt. Dabei geht der Blick über die Nachkriegszeit hinaus bis in die Gegenwart, in der Jüdinnen und Juden sich nach wie vor mit Fragen der Zugehörigkeit konfrontiert sehen und die Mehrheitsgesellschaft ihnen häufig eine bestimmte Rolle zuweist.

Das zeitORTE Team gratuliert zur Eröffnung der neuen Dauerausstellung von Hinter Aegidien!

Nachtrag: Hinter Aegidien - Das Klosterensemble

Architektonisch ist das Museum Hinter Aegidien des Braunschweigischen Landesmuseums ein ungewöhnliches Gebäudeensemble, wie es sich eigentlich nur unter dem Dach eines Museums entwickeln kann. Es besteht aus den noch erhaltenen Räumlichkeiten des ehemaligen Benediktinerklosters St. Aegidien und dem gotischen Chor der Kirche des ehemaligen Paulinerklosters, das ab 1902 vom Bohlweg nach Hinter Aegidien versetzt wurde. Zudem gehört seit 1935 das frühere Evangelische Vereinshaus (um 1900) auf der Südseite des Klosters zum Museumsensemble.

Das Benediktinerkloster St. Aegidien wurde 1115 von der Gräfin Gertrud aus dem Geschlecht der Brunonen gestiftet. Von den Räumlichkeiten sind noch die Kirche, zwei Flügel des romanischen Kreuzganges und drei angrenzende Räume erhalten. Der westliche Flügel des Kreuzgangs wurde um 1160 errichtet und ist damit das älteste erhaltene Gebäude Braunschweigs seit der Auflösung während der Reformation wurde das Kloster unterschiedlich genutzt: als evangelisches Damenstift, als Militärdepot, Gefängnis und kultureller Veranstaltungsort sowie schließlich als Museum.

Umfassende Baumaßnahmen
Das Staatliche Baumanagement Braunschweig hat in den vergangenen 14 Monaten umfassende Baumaßnahmen vorgenommen. Es hat insbesondere …
- … das Obergeschoss des Gebäudeensembles durch einen Aufzug barrierefrei erschlossen.
- … für das sogenannte Dormitorium, das im Obergeschoss des Benediktinerklosters liegt und in den nächsten Jahren als Ausstellungsfläche zur Verfügung stehen soll, einen erforderlichen zweiten Flucht- und Rettungsweg geschaffen.
- ... das vorhandene Treppenhaus ertüchtigt, da es nicht den Vorgaben des Brandschutzes entsprochen hatte. Hier war unter anderem die nach dem Zweiten Weltkrieg provisorisch errichtete hölzerne Dachkonstruktion durch eine neue Massivdecke zu ersetzen.
- … das Dormitorium mit einer Lüftungsanlage ausgestattet, um den Komfort für die Besucherinnen und Besucher zu verbessern.
- … die innere Wand- und Deckenflächen denkmalgerecht überarbeitet und den Bodenbelag erneuert bzw. aufgearbeitet. Die äußere Gebäudehülle war bereits im Jahr 2019 saniert worden.
Alle Maßnahmen sind in enger Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege erfolgt.

BLM Ausstellungszentrum "Hinter Ägidien"

Hinter Aegidien
38100 Braunschweig