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War früher alles besser? „Sehnsucht nach Vergangenheit“ Thema der Universitätstage

  • Datum: 6. September 2020
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Juleum Helmstedt, Detailansicht (Bildrechte: Beate Ziehres)
Foto von Beate Ziehres
Beate Ziehres
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Ein für Deutschland bedeutsames Jubiläum droht 2020, in der Corona-Pandemie unterzugehen: 30 Jahre deutsche Einheit. Ein rauschendes Fest? Eine bunte Festmeile? Ein grandioses Konzert mit vielen Besuchern? Alles unmöglich in diesem Jahr, in dem die Deutschen auf drei Jahrzehnte Wiedervereinigung zurückblicken können.

Keine große Feier also. Aber trotzdem für jeden Einzelnen von uns Gelegenheit für eine individuelle Rückschau. Was hat mir die Einheit gebracht? War früher wirklich alles besser? Mehr Lametta, wie Loriot sagen würde? Mir persönlich würden viele bereichernde Begegnungen und unvergessliche Tage und Wochen in den östlichen Bundesländern fehlen.

Das weiß ich nach 30 Jahren Einheit zu schätzen

Unvorstellbar, dass ich viele Freunde und Bekannten niemals kennengelernt hätte, wenn es die Einheit nicht gegeben hätte. Dass ich keinen einzigen Urlaub in Mecklenburg-Vorpommern verbracht hätte. Brandenburgs Seen nicht entdeckt hätte. Ich glaube behaupten zu können, dass mein Leben heute ein anderes wäre, wenn die Wiedervereinigung nicht stattgefunden hätte.

Doch es gibt auch Menschen, die sich die DDR zurück wünschen. Weil sie ihren Arbeitsplatz verloren haben. Oder weil liebgewonnene Errungenschaften des Sozialismus abgeschafft wurden. Warmwasser, Kinobesuche und Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln für ein paar Pfennige – das gibt es nicht mehr.

Gedanken zum Umgang mit der Vergangenheit

Ostalgie, Nostalgie, Kriegsverherrlichung, Denkmalpflege – die Geschichte ist ein weites Feld. Dazu zählt auch der Umgang mit der Vergangenheit. Schon Theodor Fontane hat sich zu diesem Thema Gedanken gemacht: „Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben.“

An Fontanes Aussage orientierte sich auch der Beirat der Helmstedter Universitätstage. Traditionell beschäftigen sich während dieser viertägigen Veranstaltung Wissenschaftler, Autoren, Künstler und Jugendliche aus der Region mit der deutsch-deutschen Geschichte. In diesem Jahr lautet das Thema „Sehnsucht nach Vergangenheit“. Und: Die zahlreichen Fans der Universitätstage werden sich freuen zu hören, dass die Veranstaltung beinahe unverändert stattfindet.

Anja Kremling-Schulz organisiert die Universitätstage seit vielen Jahren.
Anja Kremling-Schulz organisiert die Universitätstage seit vielen Jahren. (Foto: Beate Ziehres)

Die Betonung liegt auf „beinahe“. So treffe ich mich mit Anja Kremling-Schulz, der Organisatorin der Helmstedter Universitätstage, in diesem Jahr nicht in der prächtigen Aula der „Academia Julia“.
 

Universitätstage dieses Jahr auch auf dem Juleumshof

Weil die Sonne scheint, bleiben wir gleich draußen auf dem von den Collegienflügeln flankierten Juleumshof. Ich liebe diesen Platz. Wenn das Kopfsteinpflaster Geschichten erzählen könnte, was würden wir alles erfahren! Ende September kommt eine neue Erfahrung hinzu: Alle Vorträge und das Rahmenprogramm werden live aus der Aula als Audio-Übertragung auf dem Juleumshof zu hören sein.

Blick auf den Juleumshof: Hier finden in diesem Jahr 235 Zuhörer Platz.
Auf dem Juleumshof finden in diesem Jahr 235 Zuhörer Platz. (Foto: Beate Ziehres)
Corona-bedingt ist eine Anmeldung für die kostenfreie Teilnahme an den Universitätstagen erforderlich

Denn von eigentlich 256 Sitzplätzen in der Aula können in diesem Jahr nur zwischen 64 und 100 Plätzen genutzt werden.

„Die genaue Zahl ergibt sich aus den Anmeldungen. Wenn Personen aus einem Haushalt gemeinsam kommen, können wir mehr Gäste platzieren“, sagt Anja Kremling-Schulz. Auf dem Hof finden unter Einhaltung der Corona-Regeln zusätzlich 235 Menschen Platz. Alternativ kann der Livestream auf der Webseite der Universitätstage verfolgt werden.
 

Wert der Vergangenheit im Lauf der Zeit

Die Idee, das Thema „Sehnsucht nach Vergangenheit“ aufzugreifen, ist schon vor dem Corona-Ausbruch in Deutschland gewachsen. Sie stammt von Professor Dr. Martin Sabrow, dem wissenschaftlichen Leiter der Universitätstage. „In manchen Zeiten genießt die Vergangenheit große Wertschätzung, in anderen geringe. Heute gilt sie als eine unentbehrliche Ressource des gesellschaftlichen Selbstverständnisses und der kulturellen Orientierung“, erklärt Martin Sabrow.

Die 26. Helmstedter Universitätstage spüren der Sehnsucht nach Vergangenheit auf unterschiedlichen Ebenen nach: von der Nostalgie bis zur Aufarbeitung, von der schmerzhaften Tabubrechung bis zur Kommerzialisierung, von der Modernisierung bis zur Restaurierung im Stadtbild. In sieben Vorträgen beleuchten renommierte Wissenschaftler und Publizisten die unterschiedlichen Facetten des Themas. Sie kommen aus ganz Europa und treffen in der historischen Academia Julia zusammen. Und sie werden Denkanstöße liefern zur Aufarbeitung und zum Umgang mit der Geschichte.
 

Aus der Vergangenheit lernen

„Unser Wunsch ist, aus den negativen Aspekten der Vergangenheit zu lernen und die positiven wertschätzen zu lernen“, sagt Anja Kremling-Schulz, Fachbereichsleiterin Kultur und Tourismus der Stadt Helmstedt. Angesichts der Diskussionen um Rassismus, Kolonialismus und um die Frage, ob missliebige Denkmale zerstört werden müssen, erhält das Thema große Aktualität. „Bei der Abschlussdiskussion wird den Referenten die Frage gestellt, ob die Vergangenheit die Gegenwart zu überwältigen droht“, kündigt Anja Kremling-Schulz an.

Denkmale, die man heutzutage mit gemischten Gefühlen betrachtet, finden sich auch hier in der Region. Beispiele sind das Kolonialdenkmal im Braunschweiger Prinzenpark und das Kriegerdenkmal in Helmstedt. Da es vom Juleumshof zum Standort des Kriegerdenkmals nur einige Schritte sind, habe ich der kriegsverherrlichenden Skulptur auch noch einen Besuch abgestattet. Rein interessehalber.

Erklärung zur kriegsverherrlichenden Inschrift auf dem Kriegerdenkmal in Helmstedt.
Erklärung zur kriegsverherrlichenden Inschrift auf dem Kriegerdenkmal in Helmstedt. (Foto: Beate Ziehres)

Tatsächlich hat die Stadt Helmstedt hier bereits vor längerer Zeit auf die in Nostalgie verfallende Inschrift reagiert. „Es starben den Heldentod für das Vaterland:“, steht auf dem Fuß des Denkmals. Eine kleine Tafel erklärt, dass das Denkmal aus einer Zeit stammt, in der der Staat mit den Begriffen „Vaterland“ und „Helden“ das Leiden der Opfer und ihrer Angehörigen verdeckte. „So wurde das Gedenken an die Toten dazu missbraucht, neue Kriege vorzubereiten“, heißt es darauf.   

Auch Anja Kremling-Schulz hat sich mit der Frage beschäftigt, ob wirklich früher alles besser war. „Es kommt immer auf die individuelle Betrachtung an, die natürlich von der aktuellen Lebenssituation des Einzelnen abhängt“, sagt sie. „Menschen, denen es in der Vergangenheit besser ging als in der Gegenwart, wünschen sich eher die ‚gute alte Zeit’ zurück.“

Rahmenprogramm mit Lesung und Kultfilm

Passend zum Thema haben die Organisatoren ein Rahmenprogramm vorbereitet, das – wie fast alle Programmpunkte der Universitätstage – öffentlich und kostenfrei zugänglich ist. So liest am Freitag, 25. September, um 20 Uhr Julia Schoch aus ihrem Buch „Schöne Seelen und Komplizen“. Die Protagonisten, vier Schüler und Schülerinnen eines DDR-Elitegymnasiums, ziehen 30 Jahre nach dem Mauerfall Bilanz. Sie alle sehen sich mit ähnlichen Fragen konfrontiert: Wie lange verfolgt uns die Vergangenheit? Oder verfolgen wir sie?

Julia Schoch liest aus ihrem Buch 'Schöne Seelen und Komplizen'.
Julia Schoch liest aus ihrem Buch 'Schöne Seelen und Komplizen'. (Foto: Ulrich Burkhardt)

Nostalgie pur erwartet die Besucher der Sondervorstellung anlässlich der Universitätstage im Roxy Kino. Am Donnerstag, 24. September, läuft um 19 Uhr Wim Wenders’ Road-Movie „Im Lauf der Zeit“. Zwei eigenwillige Charaktere bereisen Kleinstädte entlang der Mauer, in denen es 1976 noch Lichtspieltheater gibt. Auch in Helmstedt machen die Beiden Station, um Filmprojektoren zu reparieren. Das Roxy ist das einzige Kino aus Wenders’ Film, das heute noch existiert.

'Im Lauf der Zeit' wird im Uni-Kino gezeigt. Foto: Wim Wenders Stiftung 2014
'Im Lauf der Zeit' wird im Uni-Kino gezeigt. (Foto: Wim Wenders Stiftung 2014)

Zur Feier von 30 Jahren deutsche Einheit: Comedy aus Sachsen

Ach ja, und beinahe ganz zum Schluss der Universitätstage feiert man in Helmstedt doch noch 30 Jahre Wiedervereinigung. Mit einem Sächsisch-Kurs für Anfänger in einer Special Edition von Thomas Nicolai. TV-Zuschauern ist der Leipziger bekannt aus TV Total, Neues aus der Anstalt, Quatsch Comedy Club und Nightwash. Na dann: Viel Spaß!

Portraitfoto: Thomas Nicolai lehrt die Helmstedter sächsisch.
Thomas Nicolai lehrt die Helmstedter sächsisch. (Foto: Bernd Brundert)

Das ganze Programm der Helmstedter Universitätstage inklusive der Schulprojekte ist unter http://www.universitaetstage.de einsehbar. Hier besteht auch die Möglichkeit, sich für alle Programmpunkte anzumelden. Anmeldeschluss ist der 11. September 2020.

Einzige Ausnahme ist das Helmstedter Uni-Kino. Zum Film „Im Lauf der Zeit“ melden sich Interessierte bis zum 11. September auf der Webseite der Helmstedter Kinos https://www.helmstedterkinos.com  oder unter der Telefonnummer 05351-33238 an.    

Die 26. Helmstedter Universitätstage finden am 25. und 26. September im Juleum, Collegienstraße 1, Helmstedt, statt.

Umrahmt werden die Universitätstage am 24. September vom Uni-Kino im Roxy Kino, Nordertor 2-4, und am 27. September vom Festgottesdienst in St. Marienberg, Klosterstraße 11, Helmstedt.

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38350 Helmstedt