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„Saxones“ – Landesausstellung bewertet das erste Jahrtausend in Niedersachsen neu

  • Datum: 19. September 2019
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 (Bildrechte: Beate Ziehres)
Foto von Beate Ziehres
Beate Ziehres
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Wer sind die Niedersachsen? Mit der Niedersächsischen Landesausstellung „Saxones“ versucht die Archäologin Dr. Babette Ludowici diese doch sehr komplexe Frage zu beantworten. „Saxones“ ist ab Sonntag, 22. September 2019, im Braunschweigischen Landesmuseum zu sehen. Das Braunschweigische Landesmuseum ist einer von 100 zeitORTEn in der Region Braunschweig-Wolfsburg.

Als ich Babette Ludowici im Museum am Burgplatz treffe, ist sie sehr aufgeregt. Gerade hat eine einzigartige Handschrift aus der Bibliothek der Medici in Florenz ihren Platz in einer Ausstellungsvitrine gefunden: der sogenannte „Tacitus-Codex“.

Historische Handschriften wie der Tacitus-Codex müssen unter bestimmten Bedingungen aufbewahrt werden. (Foto: A. Pröhle, Braunschweigisches Landesmuseum)

Das Witzige ist: In den Annalen des römischen Geschichtsschreibers Tacitus werden die Sachsen, auf Lateinisch Saxones, mit keinem Wort erwähnt! Wieso ist das wertvolle Buch dann in der Ausstellung über die Geschichte der Niedersachsen zu sehen?Tacitus lebte von 58 nach Christus bis zum Jahr 120. In seinen Annalen befasst er sich mit dem Leben in Rom und am römischen Hof sowie mit der römischen Außenpolitik. Insbesondere die Feldzüge gegen die Germanen müssen Tacitus beschäftigt haben. Unter anderem beschreibt er die berühmte „Schlacht im Teutoburger Wald“, auch Varusschlacht genannt.

Das Niedersachsenlied: Ein Mythos wird vertont

Im Teutoburger Wald erlitten die römischen Legionen im Jahr 9 nach Christus eine vernichtende Niederlage gegen ein germanisches Heer. Um den Zusammenhang zwischen der Varusschlacht und den vermeintlichen Vorfahren der Niedersachsen herstellen zu können, müssen wir uns ins Jahr 1926 begeben. Damals dichtete der Braunschweiger Lehrer Hermann Grote das Niedersachsenlied.

Mit den Zeilen „Wo fiel’n die römischen Schergen?“ und „Wer warf den römischen Adler nieder in den Sand“ bezieht sich Grote auf die Varusschlacht. Den darauf folgenden Refrain kennt heute nicht mehr jedes Kind: „Das war’n die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen ...“ und so weiter.

Nun hat einmal jemand im Tacitus-Codex, einer der wenigen Quellen über diese Zeit, nachgelesen und festgestellt: keine Spur von Sachsen. Tacitus nennt über 40 verschiedene germanische Gruppierungen beim Namen, „Saxones“ sind nicht dabei.

Dank Tacitus weiß man also, dass das heroische Niedersachsenlied keine echte Hilfe ist bei der Suche nach den Wurzeln der Niedersachsen. Doch der Tacitus-Codex hilft dabei, zu verstehen, wie der Mythos von der Beteiligung eines Stammes der Sachsen an der Varusschlacht entstanden ist.

Teils winzig sind die Fundstücke, die helfen, Licht ins Dunkel der Geschichte zu bringen. (Foto: Beate Ziehres)

Wer den Grundstock für diese Geschichte gelegt hat und was auf dem Gebiet des heutigen Niedersachsen in den ersten 1000 Jahren der neuen Zeitrechnung wirklich geschehen ist, das ist Inhalt der Ausstellung „Saxones“.

Ausstellung bringt Licht ins Dunkel der Geschichte

Die Archäologin und Ausstellungskuratorin Babette Ludowici hat die Geschichte des ersten Jahrtausends anhand von Funden dargestellt. Historisch reale Persönlichkeiten bekamen von Kelvin Wilson ein Gesicht. Die großen Bilder des Illustrators begleiten den Besucher wie ein roter Faden durch die Ausstellung.

Für das erste und zweite Jahrhundert stoßen zwei germanische Anführer auf einen gerade abgeschlossenen Handel an. Einer der Männer ist wissenschaftlich belegt, sein Urnengrab wurde im Landkreis Celle gefunden. Er starb im 2. Jahrhundert.

„Die Germanen werden auch häufig heute noch so dargestellt, wie die Römer sie sahen: als Barbaren, als grimmige grobschlächtige Krieger. Ich wollte ihre Anführer lieber als clevere Spieler zeigen, die ihren Einfluss vor allem durch eine schlaue Bündnispolitik stärkten.“

Illustrator Kelvin Wilson

Exemplarisch für das dritte Jahrhundert stehen in der Ausstellung die Künste unserer Vorfahren als Netzwerker. Demzufolge zirkulierten in den Netzwerken der germanischen Oberschicht Menschen, Waren und Wissen über Hunderte von Kilometern.

Perlen aus facettiert geschliffenen Halbedelsteinen und goldene Ohrringe – wunderschöne Schmuckstücke, die offenbar aus dem römischen Reich stammten – belegen diese Theorie.

Als ich durch die Ausstellungsräume schlendere, ist Vera Fendel vom Landesmuseum Hannover damit beschäftigt, die sorgsam verpackten archäologischen Funde auszupacken. Die Ausstellung war bereits im hannoverschen Landesmuseum zu sehen. Deshalb haben die Mitarbeiter der beiden Niedersächsischen Landesmuseen bereits Vorgaben, welche Exponate in welche Vitrine mit welcher Beschriftung einzuordnen sind. Denn die Ausstellung in Hannover wurde fotografisch dokumentiert.

Über Schmuckstücke und Münzen hinaus zeigt die Ausstellung Gefäße aller Art, Möbelstücke und andere Holzobjekte. Diese gelten als Zeugen der hohen Qualität des lokalen Holzhandwerks schon im 4. und 5. Jahrhundert.

Game of Thrones in Germanien

In diese Zeit fällt auch das Bild einer Kinderbraut mit traurigen Augen. Das Mädchen ist die Braut für einen Mann aus einer Familie von der unteren Elbe, die Kontakte nach Mitteldeutschland unterhält oder knüpfen will.

Man weiß, dass in der Mitte des ersten Jahrtausends Politik auch mit arrangierten Ehen gemacht wurde. Die Frauen der Oberschicht wurden bereits mit elf oder zwölf Jahren verheiratet.

„Die Kinderbraut könnte das Unterpfand eines machtstrategischen Deals zwischen zwei Clans gewesen sein, ein Einsatz in einem germanischen Game of Thrones.“

sagt Illustrator Kelvin Wilson
Die Kinderbraut. (Foto: Beate Ziehres)

Im weiteren Verlauf von Geschichte und Geschichten spielen Krieger und Könige, Abwanderung, ein Klimawandel und Zuwanderung eine Rolle. Zu sehen sind beispielsweise Funde aus dem Grabhügel von Klein Vahlberg im Landkreis Wolfenbüttel. Das Monument namens „Galgenberg“ wurde schon in der Jungsteinzeit auf dem Höhenzug Asse errichtet.

Im 7. Jahrhundert wurde hier eine Frau bestattet, die aufgrund ihrer Wadenbindengarnitur zu Lebzeiten eindeutig als Fremde zu erkennen war.

„Dem Status ihrer Familie wird das keinesfalls abträglich gewesen sein – hätte man sie sonst damit aufgebahrt und begraben?“

Ausstellungskuratorin Babette Ludowici

Auch die Goldkette von Isenbüttel im Landkreis Gifhorn ist Bestandteil der Ausstellung. Das im Jahr 1922 gefundene Schmuckstück ist das wertvollste und prächtigste Schmuckstück, das den Archäologen aus dem Norddeutschland des 1. Jahrtausends bekannt ist. Die Kette hat wohl einer Frau gehört, die den Spitzen der europäischen Oberschicht angehörte.

Bis zum Ende des 7. Jahrhunderts wurden Frauen mit wertvollem Schmuck begraben. In der Vitrine sind solche Grabbeigaben zu sehen. (Foto: Beate Ziehres)

Im 9. Jahrhundert, das in der Ausstellung unter dem Titel „Unternehmen Gottesstaat“ steht, nähern sich die Macher von „Saxones“ den Zeiten und Zeugnissen, die heute jeder von uns besichtigen kann, ohne ein Museum zu betreten. So entstanden Anfang des 10. Jahrhunderts die Königspfalz Werla und das Stift Quedlinburg. Bereits im 9. Jahrhundert wurde das Stift Gandersheim gegründet.

Goldring mit Brustbild Ludwigs des Frommen aus dem 9. Jahrhundert. (Foto: Beate Ziehres)

Stück für Stück fügt sich in „Saxones“ ein Bild der Gesellschaft zusammen, die das Gebiet des heutigen Niedersachsen zwischen dem 1. und dem 10. Jahrhundert bewohnte.

Übrigens hat Bischof Gregor von Tours in einer Schrift im 6. Jahrhundert erstmals Menschen, die zwischen Rhein und Elbe wohnen, als Saxones bezeichnet. Es waren Aufständische, die nicht nach der Pfeife der Franken tanzten.

  • Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, jeden 1. Dienstag im Monat von 10 bis 20 Uhr
  • Montag geschlossen
  • Feiertage: Geöffnet am Tag der deutschen Einheit (3. Oktober), Reformationstag (31. Oktober), 2. Weihnachtsfeiertag (26. Dezember)

Geschlossen an Neujahr (1. Januar), Heiligabend (24. Dezember), 1. Weihnachtsfeiertag (25. Dezember), Silvester (31. Dezember)

Noch bis zum 2. Februar 2020 im Braunschweigischen Landesmuseum, Burgplatz 1, in Braunschweig zu sehen - ein Besuch und die Spurensuche nach unseren Vorfahren lohnt sich!

Tipp: Aktuelle Informationen zu Führungen und besonderen Veranstaltungen während der Ausstellung gibt es auf www.3landesmuseen.de!

Projekt Grenzenlos

Markt 1
38350 Helmstedt