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Kunstverein Wolfsburg: Zwischen Katzen-KI und den wilden 80er-Jahren

  • Datum: 25. November 2019
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Die Installation Kitty-AI im Kunstverein Wolfsburg, November 2019 (Bildrechte: Beate Ziehres)
Foto von Beate Ziehres
Beate Ziehres
Alle Beiträge (17)

Der Kunstverein Wolfsburg ist die älteste Institution für Bildende Kunst in der Stadt. In diesen Tagen feiert der Verein sein 60-jähriges Bestehen. Anlass genug, mich in den Räumen des Kunstvereins umzuschauen.

Seit mehr als 50 Jahren ist der Kunstverein im Schloss Wolfsburg zuhause. Zuvor hatte der Rat der Stadt entschieden, das Schloss zum Kunst- und Kulturzentrum zu entwickeln. So erreiche ich die Ausstellungsräume und das Büro des Kunstvereins über die ausgetretenen Steinstufen im Hausmannsturm des Schlosses.

Beim Kunstverein sind gerade fleißige Hände damit beschäftigt, eine Vernissage vorzubereiten. In ein paar Minuten soll die Ausstellung „V für Verantwortung“ eröffnet werden. Die Ausstellung ist die letzte von Vieren, die sich dem Jahresprogramm für 2019 unterwirft.

„Utopie und Regulierung in der digitalisierten Welt“ lautet das Thema in diesem Jahr. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass an den Wänden Bildschirme statt Bildern hängen, dass die Message der Künstler nicht in Öl rüberkommt, sondern bewegt, bunt und flimmernd.

Werk von Banz & Bowinkel in der Ausstellung „V für Verantwortung“ (Foto: Beate Ziehres)

Ich treffe Carolin Muser, die für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Kunstvereins zuständig ist.
„Der Kunstverein will junge, nicht etablierte Künstler fördern“, erklärt mir die Kunsthistorikerin. So stellen oft Studenten oder Absolventen der Hochschule für Bildende Künste (HBK) in Braunschweig aus.

Visualisierte Kommentarverläufe

Einer von ihnen ist Jan Neukirchen, inzwischen Meisterschüler an der HBK. Der Titel seiner Arbeit lautet: „This Cat is fully shaved ... except for it’s face“. Zu sehen ist jedoch keine rasierte Katze, sondern baumähnliche Gebilde. In einem Video und anhand mehrerer 3-D-Druckobjekten hat Jan Neukirchen den Kommentarverlauf zu „Reddit“-Beiträgen visualisiert und vertont. „Reddit“ ist ein soziales Netzwerk, auf dem die User selbst über die Popularität und damit die Reichweite eines Beitrags bestimmen.

Jan Neukirchen hat Kommentarverläufe visualisiert und vertont. Abgebildet ist diese Visualisierung.
Jan Neukirchen hat Kommentarverläufe visualisiert und vertont. (Foto: Beate Ziehres)

In seinem vorhergehenden Job war Jan Neukirchen Informatiker. Er benutzt die verhältnismäßig offene und transparente Plattform Reddit als eine Art Mikroskop, um die Diskussionen der Millionen Nutzerinnen und Nutzer zu beobachten. Womit wir schon beim Thema der Ausstellung, der Verantwortung im digitalen Zeitalter, angekommen sind.

„Im Moment haben wenige große Firmen die Kontrolle über Daten und Handlungsmöglichkeiten der Benutzer. Alternativen gibt es längst, aber damit sich unabhängige Infrastruktur etablieren kann, müssen wir uns mehr mit der Technik beschäftigen und an vielen Stellen auf Komfort verzichten.“

Jan Neuenkirchen
Partner im Netzwerk der zeitORTE

Wenn Katzen-KIs die Welt regieren...

Beim Gang durch die Ausstellung springt mir an zentraler Stelle mehr Cat-Content ins Auge. „The Kitty AI. Artificial Intelligence for Governance“ lautet der Titel der gezeigten Arbeit von Pinar Yoldas aus New York. Die Künstlerin und Architektin entwirft in ihrer Installation ein Science Fiction Szenario.

Man sieht die Katze, die vielleicht im Jahr 2039 die Welt regiert...
Die Katze, die vielleicht im Jahr 2039 die Welt regiert... (Foto: Beate Ziehres)

Als Folge diverser Krisen regiert im Jahr 2039 eine künstliche Intelligenz namens Kitty AI die Welt. Sie regiert von den Smartphones aus eine Megalopolis. Dass Kitty AI und andere künstliche Intelligenzen die Positionen von Politikern übernommen haben, ist dem menschlichen Unvermögen, gigantische Infrastrukturen zu verwalten, zuzuschreiben. Übrigens: Die blau leuchtenden Katzenkopfhörer zeichnen die Betrachter des Videos als Anhänger, also „Follower“ der Katzen-KI aus.

Katzen waren aber keine Voraussetzung für die Teilnahme an der Gruppenausstellung, wie das Werk „Hyper“ von Stefan Hurtig zeigt. Er beschäftigt sich mit körperlicher und geistiger Selbstoptimierung. „Die zentrale Frage ist: Was kann man tun, um erfolgreicher zu sein“, erklärt Stefan Hurtig. Mit dem Titel „Hyper“ – also übermäßig, übertrieben – macht der Künstler die Austauschbarkeit sichtbar, die dieses Streben nach einem perfekten Körper und persönlichem Erfolg mit sich bringt.

Stefan Hurtig mit seinem zweiteiligen Werk zum Thema Selbstoptimierung.
Stefan Hurtig mit seinem zweiteiligen Werk zum Thema Selbstoptimierung. (Foto: Beate Ziehres)

Die wilden 1980er im „Raum für Freunde“

Eine Besonderheit des Kunstvereins ist der „Raum für Freunde“, der zum 50-jährigen Bestehen im Jahr 2009 eingerichtet wurde – für eine unbestimmte Zeit. Dass er heute noch existiert, zeigt die Beliebtheit des Angebots. „Der Raum für Freunde unterscheidet sich von unserem großen Ausstellungsraum dadurch, dass Künstlerinnen und Künstler, die hier ausstellen, in einem Bezug zum Kunstverein stehen“, erklärt Carolin Muser.

Parallel zur Ausstellung „V für Verantwortung“ gewährt Werner Walczak Einblicke in die Jugendkultur der wilden 80er-Jahre in Wolfsburg. „Heute kaum vorstellbar, aber das Wolfsburg der frühen 1980er-Jahre war ein Schmelztiegel der Subkulturen“, sagt der Leiter des Kunstvereins, Dr. Justin Hoffmann. Werner Walczak verbindet eine persönliche Beziehung zu Hoffmann, beide sind heute noch in der Musikszene aktiv.

Blick in die Ausstellung „Punk oder so ähnlich“ im Raum für Freunde.
Blick in die Ausstellung „Punk oder so ähnlich“ im Raum für Freunde. (Foto: Beate Ziehres)

Anfangs der 1980er-Jahre entstanden mit der Neuen Deutschen Welle, Elektrosounds und Punk wichtige neue Richtungen der deutschen Popmusik. Auch in Wolfsburg experimentierten damals vor allem Jugendliche mit musikalischen, alltagsästhetischen und künstlerischen Stilen. Werner Walczak, in Wolfsburg aufgewachsen, war mittendrin.

Mit seiner Kamera dokumentierte der Hobbyfotograf beispielsweise Punkkonzerte und die spontanen Aktionen von Gleichaltrigen. Die Ergebnisse sind jetzt in der Ausstellung „Punk oder so ähnlich“ im „Raum für Freunde“ zu sehen.

Der Kunstverein Wolfsburg hat etwa 400 Mitglieder und erlangte durch innovative Ausstellungen und Veranstaltungen internationales Renommee. 2007 wurde der Verein mit dem Preis der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine (ADKV) als bester deutscher Kunstverein ausgezeichnet.

Vielversprechender Ausblick auf 2020

Das Jahresprogramm 2020 trägt übrigens den Titel „Alles eine Frage der Energie“. Die erste Ausstellung im kommenden Jahr wird von Folke Köbberling bestritten. Die in Berlin lebende Künstlerin sticht unter ihren Kollegen und Kolleginnen, die sich ebenfalls mit Nachhaltigkeit, Urbanismus und Ökologie beschäftigen, durch Konsequenz und Einfallsreichtum heraus. „Lifestyle is negotiable“ lautet ihr Ausstellungsthema.

Folke Köbberling lehrt inzwischen als Professorin für architekturbezogene Kunst an der TU Braunschweig. Und Dr. Justin Hoffmann kündigt an, dass ihre Ausstellung auch auf die Räume des Kunstvereins Auswirkungen haben wird. Mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten. Ein Besuch des Kunstvereins in Wolfsburg lohnt sich auf jeden Fall.

Die Ausstellungen V für Verantwortung und Werner Walczak sind bis zum 2. Februar 2020 zu sehen.

Öffnungszeiten des Kunstvereins Wolfsburg:

Mittwoch bis Freitag 10 bis 17 Uhr
Samstag 13 bis 18 Uhr
Sonntag und Feiertage 11 bis 18 Uhr

Eintritt frei.

Kunstverein Wolfsburg

Schloßstraße 8
38448 Wolfsburg