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Gedenkstätte KZ Drütte: neue Erkenntnisse, neue Räume

  • Datum: 7. Oktober 2019
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Gedenkstättenleiterin Maike Weth am Eingang der Gedenkstätte KZ Drütte in Salzgitter (Bildrechte: Beate Ziehres)
Foto von Beate Ziehres
Beate Ziehres
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Ein Besuch an einem der 100 zeitORTE in der Region Braunschweig-Wolfsburg ist oft mit einer Reise in die Vergangenheit verbunden. Mit nur einem Schritt fühle ich mich ins Mittelalter oder gar in die Steinzeit versetzt. Die Gedenkstätte KZ Drütte entführt den Besucher in den düstersten Abschnitt deutscher Geschichte – in die NS-Zeit.

Auf meinem Weg nach Salzgitter regnet es. Fast könnte man denken, der Himmel weine angesichts dessen, was hier geschehen ist. Hinter dem heutigen Werkstor 1 der Salzgitter Flachstahl GmbH befand sich von Oktober 1942 bis April 1945 das KZ Drütte, eines von drei Außenlagern des KZ Neuengamme. Das Hüttenwerk firmierte damals unter Reichswerke „Hermann Göring“.

Konzentrationslager unter der Hochstraße

Am Werkstor erwarten mich Maike Weth, Leiterin der Gedenk- und Dokumentationsstätte KZ Drütte, und Anke Eckmann, pädagogische Mitarbeiterin. Auf dem Weg zur Gedenkstätte fahren wir mit dem Auto einmal über alle Gebäude des ehemaligen Konzentrationslagers: Das KZ wurde unter der Hochstraße, die von Tor 1 ins Werk führt, eingerichtet.

Weitere Informationen zur Gedenkstätte

„Der Weg führte vorbei am Hauptmagazin zur Hochstraße, Richtung Tor 1. Unter der Hochstraße waren die KZ-Häftlinge eingesperrt. Man sah von der Hochstraße herunter auf deren Appellplatz, der mit einem hohen Elektrozaun eingezäunt war. Dahinter Wachtürme. Auf der Hochstraße standen Schilder mit der Aufschrift: Nicht stehenbleiben, es wird ohne Anruf geschossen!“
Rudi K. ehemaliger Lehrling in den Reichswerken „Hermann Göring“

Am Tor 1 werden alle Besucher der Gedenkstätte KZ Drütte, die eine Führung gebucht haben, in Empfang genommen. Auf der Hochstraße geht es dann in ein ehemaliges Buswartehäuschen. Hier verdeutlicht ein Modell die Lage und Ausmaße des Konzentrationslagers auf dem Werksgelände. Das Modell basiert auf einem Luftbild, das die Alliierten am 10. April 1945 aufgenommen haben.

Man sieht Maike Weth und Anke Eckmann am Modell des KZ Drütte im Buswartehäuschen.
Maike Weth und Anke Eckmann am Modell des KZ Drütte im Buswartehäuschen. (Foto: Beate Ziehres)

Als britische Soldaten einen Tag später in Salzgitter eintrafen, war das KZ bereits geräumt. Die Häftlinge hatte zu diesem Zeitpunkt ein grauenhaftes Schicksal ereilt: Der Zug, mit dem sie abtransportiert worden waren, stand in Celle auf dem Güterbahnhof, als Bomben auf das Areal fielen.


Mord und Tod nach der Räumung des KZ

Mehr als 2000 Gefangene starben in diesem Bombenhagel, etwa 1300 Menschen konnten im entstandenen Durcheinander fliehen. Es entwickelte sich eine brutale Hetzjagd, an der nicht nur die SS, sondern auch die örtliche Hitlerjugend und Bürger beteiligt waren. 200 Häftlinge wurden während des sogenannten Massakers von Celle in den letzten Kriegstagen ermordet.

„Würde man mich wegen der angeblichen Sabotage bestrafen? [...] Jeden Tag ging ich auf dem Weg zur Arbeit am Galgen vorbei und jedes Mal zog sich mein Magen beim Gedanken daran, was mich erwarten würde, zusammen. [...] Diesen Morgen bemerkte ich etwas Ungewöhnliches. Es war heller Tag und wir hätten schon längst zur Arbeit aufbrechen müssen. Im Block herrschte ungewöhnliches Treiben. [...] Plötzlich öffneten sich die Türen des Blocks und wir wurden brutal mit Schlägen hinausgeworfen. Dann sahen wir einen Zug mit offenen Güterwaggons, der auf der anderen Seite des Stacheldrahtzauns stand. Der Zaun wurde niedergedrückt, um einen Zugang zu ermöglichen. Männer wurden schon mit Kolbenhieben der SS in die Waggons gezwungen. [...] Der Zug fuhr los und ich warf einen letzten Blick auf das Lager von Drütte. Die Arbeiter waren damit beschäftigt, den Galgen abzubauen. Den Galgen, der mich in den letzten drei Tagen und vor allem in den letzten drei Nächten zum Wahnsinn getrieben hatte.“

Henri Grincourt 1991, ehemaliger Häftling aus Frankreich    


Das KZ Drütte wurde von den ersten eintreffenden KZ-Häftlingen ab Oktober 1942 eingerichtet. Zuvor waren in den Räumen unter der Hochstraße – dem sogenannten Polenlager – Arbeiter untergebracht. „In den Anfangsmonaten hat das Lager noch nicht als KZ funktioniert“, sagt Maike Weth. Es gibt auch Unterlagen, die besagen, dass einige Männer der ersten Stunde bis April 1945 im KZ Drütte waren. „Wir können davon ausgehen, dass sie Funktionen übernommen und die Neustrukturierung koordiniert haben“, so Weth.


„Geschrei, Stöhnen und Jammern hallten in der dunklen Frühe wider“

Bis zu 3000 Häftlinge haben auf dem Werksgelände unter menschenunwürdigen Umständen gelebt und gearbeitet. Die meisten waren in der sogenannten „Aktion 88“ eingesetzt. Das heißt, dass sie in einem Randbereich des Hüttengeländes Granaten für  8,8-Zentimeter-Flugabwehrkanonen und 8,8-Zentimeter-Panzerkanonen produzieren mussten. Um die Produktionsstätte zu erreichen, wurden die Häftlinge, die im Dreischichtbetrieb arbeiteten, durch einen engen, dunklen Tunnel mit unbefestigtem Boden getrieben.

„Was für Verhältnisse hier herrschten, habe ich schon am ersten Morgen erkannt. Mit Geschrei und Prügel trieben gut genährte Kapos und andere Bedienstete arme, müde und schwache Häftlinge aus den Blöcken heraus zum Appell und zur Arbeit. Am schlimmsten war es bei der Tür, wo sich eine hundertköpfige Masse in panischer Angst zusammendrängte, um den brutalen Schlägen der Aufseher auszuweichen. Draußen warteten bereits die SS-Schergen, die die ausgehungerten und entkräfteten Gestalten mit Knüppeln und Kolbenhieben weitertrieben. [...] Geschrei, Stöhnen und Jammern in verschiedenen Sprachen hallten in der dunklen Frühe wider.“
Stane Tušar 1994, ehemaliger Häftling aus Slowenien

Aus dem Fenster des Buswartehäuschens sehe ich die Rampe am Gleis, über die Neuankömmlinge den Zug verließen und den scharf gesicherten und streng bewachten Hof des KZs betraten. Ich sehe den Appellplatz und die vier Blöcke, in denen die Häftlinge untergebracht waren, sowie die Krankenstation.

Die ehemalige Krankenstation und der Bereich des Leichenraums unter der Hochstraße.
Die ehemalige Krankenstation und der Bereich des Leichenraums unter der Hochstraße. (Foto: Beate Ziehres)

Der Appellplatz und die Gedenkstätte mit der Dauerausstellung sind auch Bestandteile der Führungen. Das Krankenrevier wird später dazukommen und die bisherige Fläche der Gedenkstätte etwa verfünffachen.

Der im Plan gelb markierte Bereich ist neu und wird die orange markierte bestehende Gedenkstätte erweitern.
Der im Plan gelb markierte Bereich ist neu und wird die orange markierte bestehende Gedenkstätte erweitern. (Foto: Beate Ziehres)

Einzelheiten über die Krankenstation haben die Verantwortlichen erst aus den Zeichnungen eines Häftlings und von Bauhistorikern erfahren. Auch von der Existenz eines Leichenraums war lange nichts bekannt. „In den vergangenen zwei, drei Jahren haben wir viele neue Erkenntnisse gewonnen“, sagt Maike Weth.


Häftlinge haben Spuren in den Räumen hinterlassen

So fanden Bauhistoriker in der ehemaligen Elektrowerkstatt des Werks eindeutige Hinweise darauf, dass hier im Anschluss an die Unterkünfte tatsächlich eine Krankenstation war. Mit geschultem Auge erkannten sie trotz Umbauten, wo früher Wände standen und wie die Räume genutzt wurden. An einigen Stellen fanden sie passend dazu Fliesenspiegel aus der Zeit, in der hier ein Konzentrationslager bestand. Damit bestätigten die Fachleute den handgezeichneten Grundriss eines ehemaligen Häftlings.

An den Wänden erkannten die Bauhistoriker eine Art Gestaltungskonzept. So sind die Wände der Schlafräume mit einer roten Linie verziert, während es in den Duschen eine umlaufende blaue Linie gibt. An der Wand eines Saals in der Krankenstation entdeckten die Historiker sogar eine Bleistiftzeichnung, die ein offensichtlich gelangweilter Kranker angefertigt hat.

Erweiterung hat bereits begonnen

Bis 2022 wird die Gedenkstätte KZ Drütte um die ehemalige Krankenstation und den Bereich des Leichenraums erweitert. Das Krankenrevier mit den konservierten Spuren der Vergangenheit soll als eigenes Exponat gezeigt werden. In der Nähe des Leichenraumes sind ein neuer Seminarraum mit Blick auf die Rampe – den Ankunftsort der Häftlinge – und ein Raum der Stille geplant.

Hier wird ein neuer Seminarraum entstehen.
Hier wird ein neuer Seminarraum entstehen. (Foto: Beate Ziehres)

Die Ausstellung in den jetzigen Räumen der Gedenkstätte wird durch neue Forschungsergebnisse aktualisiert. Die Metallkuben, die in diesem Bereich die räumliche Enge im Konzentrationslager verdeutlichen, bleiben erhalten.

Als ich die beklemmenden Gebäude mit den unheimlichen Spuren der früheren Bewohner und Nutzung verlasse, hat es aufgehört zu regnen. Dies mindert jedoch nicht das Leid, das Zehntausenden von Menschen hier zwischen 1937 und 1945 zugefügt wurde. Es waren Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, Menschen in einem Arbeitserziehungslager und KZ-Häftlinge. Die, die den Aufenthalt in Salzgitter nicht überlebt haben, sind auf dem Friedhof Jammertal in Salzgitter-Lebenstedt beigesetzt. Der Friedhof Jammertal wird wie die Gedenkstätte KZ Drütte vom Arbeitskreis Stadtgeschichte e.V. betreut.  


Die Gedenkstätte KZ Drütte kann durch ihre Lage in einem arbeitenden Industriebetrieb nur nach Anmeldung und in Begleitung besucht werden. Anmeldungen sind beim Arbeitskreis Stadtgeschichte e.V. unter Telefon 05341 44581 oder per Email unter info@gedenkstaette-salzgitter.de möglich. Am zweiten Samstag im Monat ist die Gedenkstätte von 15 bis 17 Uhr ohne Voranmeldung für Besucher geöffnet.

Gedenk- und Dokumentationsstätte KZ Drütte

Eisenhüttenstr.
38239 Salzgitter-Watenstedt