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EMMA im Kavalierhaus – in der Wohnung einer Gifhornerin

  • Datum: 2. November 2019
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Das weiße Tuch, das sich Anette Thiele vorhält, fungierte tatsächlich als Riesen-Serviette.  (Bildrechte: Beate Ziehres)
Foto von Beate Ziehres
Beate Ziehres
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Das Kavalierhaus im Gifhorner Steinweg hat etwa 20 Menschengenerationen er- und überlebt. Es wurde 1546 gebaut und dient seit dieser Zeit als Wohn- und Geschäftshaus. Die letzte Bewohnerin des Obergeschosses war Emma Wrede. Sie lebte von 1930 bis 1992 im Kavalierhaus. Ihre Wohnung ist heute Museumswohnung.

Das Leben von Emma Wrede ist exemplarisch für ein Frauenleben im 20. Jahrhundert. Und ihre original eingerichtete Wohnung vermag den Besucher Manches zu lehren über das Leben unserer Vorfahren.  

Ich für meinen Teil habe beim Streifzug durch Emma Wredes Wohnung viele Möbel und Gegenstände entdeckt, die ich aus meinem Elternhaus und den Häusern meiner Großeltern kannte: Blumenbänke, hölzerne Schemel, der emaillierte, orangefarbene Kochtopf, das Geschirr mit Zwiebelmuster und das Ehebett sind solche Beispiele. Und natürlich der Gummibaum.

Als käme Emma Wrede nach Hause...

Andere Gegenstände hat die Wohnungsbesitzerin so lange in Ehren gehalten, dass sie auch mir neu sind. Das Telefon zählt ebenso zu dieser Kategorie wie das Radio. Fest steht: Museumsleiterin Anette Thiele hat mich mitgenommen auf eine Zeitreise der sehr persönlichen Art. „Wir handeln immer nach dem Grundsatz: Käme Emma Wrede in ihr Haus, sollte sie das Gefühl haben, nach Hause zurückzukehren“, verdeutlicht Anette Thiele die Maxime des Museumsbetreibers, der Gemeinnützigen Bildungs- und Kultur GmbH.

Es muss Emma Wredes ausdrücklicher Wunsch gewesen sein, dass ihre Wohnung für die Nachwelt erhalten bleibt und öffentlich zugänglich gemacht wird. Sie selbst hat nach ihrem Auszug Wert darauf gelegt, dass nichts verändert wird. Nach dem Tod der alten Dame im Jahr 1997 initiierte Emma Wredes Adoptivtochter die Umwandlung in eine Museumswohnung.

2008 wurde das Kavalierhaus grundlegend saniert. Es wurden beispielsweise neue elektrische Leitungen verlegt. „Wir haben aber großen Wert darauf gelegt, dass der Fußboden nicht gestrichen wurde“, betont Anette Thiele. Auch begradigt wurde nichts und Emma Wredes Tapeten blieben ebenfalls erhalten.
 

Zu Gast in Emma Wredes Lästerecke

So gilt es im Kavalierhaus, mit offenen Sinnen unterwegs zu sein. An manchen Stellen ist der Boden schief und es gibt zahlreiche Schwellen in der Wohnung. Dennoch oder gerade deshalb haben die Räume noch immer viel Charme.

Mit Anette Thiele nehme ich Platz im rundum verglasten Erker. Diesen Sitzplatz nannte Emma Wrede nicht umsonst „Lästerecke“. Über den verschlissenen Schirm der Stehlampe hinweg habe ich von hier aus den kompletten Steinweg im Blick. Ok, das Bild ist leicht verzogen, denn die Fensterscheiben hatten seinerzeit noch nicht die Qualität des modernen Glases. Doch das tut dem Vergnügen keinen Abbruch. Vom Sessel aus sehe ich, wer das Rathaus betritt und wer im Eiscafé Dolomiti seinen Espresso nimmt.

Anette Thiele berichtet, dass das Podest, auf dem wir sitzen, erst im 19. Jahrhundert eingebaut wurde. Denn zur Straßenseite hin waren die Fenster zu hoch, um hinaussehen zu können. „Im 16. Jahrhundert, als das Haus gebaut wurde, legte man viel Wert auf Harmonie und Symmetrie der Fassade. Deshalb sind die Fenster so hoch“, weiß die Museumsleiterin. Der Schaugiebel ist auch die einzige Steinwand des Hauses, der Rest ist Fachwerk.
 

Spaziergang durch das Leben von Emma Wrede

Wer sich ein bisschen in Geschichte auskennt, kann erahnen, was Emma Wrede erlebt und bewegt hat. Sie wurde 1904 in die Zeit des letzten deutschen Kaisers, Wilhelm II, hineingeboren. Das Mädchen besuchte eine Internatsschule in Hannover, in der sie Hauswirtschaft lernte. Danach führte Emma eine Zeitlang den Haushalt eines Tierarztes im Harz.

1930 erbte das Fräulein Heide das Kavalierhaus, das damals schon bald 400 Jahre auf dem Buckel hatte, von einem Onkel. Mit ihren Eltern und der Großmutter zog Emma daraufhin in das Haus.

1933 heiratete Emma und aus Fräulein Heide wurde Frau Wrede. Von da an wohnten zwei Ehepaare in der großzügigen Wohnung. Die Großmutter war zwischenzeitlich gestorben.

Jahrzehntelang baute Emma Wrede im Garten hinter dem Haus Gemüse an und weckte es ein. Die stummen Zeugen dieses Wirkens der Hausfrau sind heute noch im Keller zu bestaunen. Hinter dem Haus gackerten die Hühner und nach dem 2. Weltkrieg hielt man zusätzlich Kaninchen.

Vom sparsamen Leben nach dem Krieg

In Emma Wredes Wohnung hängen die Kittelschürzen für werktags und sonntags auf den Bügeln und vermitteln den Eindruck, die Bewohnerin sei mal kurz zum Einkaufen gegangen. Im Wäscheschrank stapelt sich feines Leinen. Die Wäsche verströmt einen seltsam vertrauten Geruch, eine Mischung aus Mottenpulver und Lavendelsäckchen.

Neben dem Kohleherd in der Küche steht eine Kiste mit Anmachholz, auf dem Herd steht eine bunte Sammlung von Wasserkesseln unterschiedlicher Epochen. Doch dies ist nicht wirklich eine Sammlung, es sind Gebrauchsgegenstände, die tagtäglich genutzt wurden. Genauso wie der Blecheimer, der neben der Spüle steht, um Küchenfälle aufzunehmen.

Ich klettere mit Anette Thiele auf den Dachboden, nehme eine Nase in der dort eingebauten Räucherkammer – duftet immer noch nach Räucherwaren – und staune über die wirklich beachtliche Verwerfung des Bodens.

Sieht aus wie neu: Emma Wredes Eingemachtes

Auch im Keller gibt es allerhand zu sehen. Auf den Regalen stehen Gläser mit Eingemachtem, in der Ecke die Amaryllis-Töpfe und nebenan die Kartoffelkisten der einzelnen Parteien.

Dieses Gewölbe atmet noch mehr Geschichte. Anette Thiele vermutet, dass das ursprüngliche Haus an dieser Stelle im Jahr 1519 während der Hildesheimer Stiftsfehde abgebrannt ist. Der Keller blieb erhalten. Jahrzehnte später hat man dann wohl das Kavalierhaus auf den bereits vorhandenen Keller gebaut.

Ich verlasse den Keller tief beeindruckt. Die Möhren in den Gläsern sehen noch aus wie neu. Und die Amaryllis-Pflanzen schlummern nur. Zu einem genau festgelegten Zeitpunkt werden sie wieder in die Wohnung geholt, damit sie an Weihnachten blühen. Emma Wrede wäre es eine Freude, könnte sie dies sehen!

 

Weitere Informationen gibt es hier und auf der Webseite der EMMA Museumswohnung im Kavalierhaus.

Anschrift: Steinweg 3, 38518 Gifhorn
Telefon: 05371 9459106, E-Mail: museumswohnung@museen-gifhorn.de

Öffnungszeiten: Samstags von 11 bis 13 Uhr sowie an Sonn- und Feiertagen von 15 bis 17 Uhr. Von 16. Dezember 2019 bis 17. Januar 2020 hat das Museum Winterpause.

 

Noch ein Tipp: Informationen zu den museumspädagogischen Angeboten des außerschulischen Lernorts „Museum für bürgerliche Wohnkultur“ sind unter E-Mail museumswohnung@museen-gifhorn.de oder telefonisch unter 05371 9459 106 erhältlich.

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Kavalierhaus Gifhorn

Steinweg 3
38518 Gifhorn