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Wenn das Staatstheater mit Mann und Pferd zum Löwen zieht...

  • Datum: 11. August 2019
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Burgplatz Open Air Braunschweig 2019 (Bildrechte: Beate Ziehres)
Foto von Beate Ziehres
Beate Ziehres
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In diesen Tagen ist es wieder soweit: Die Außensitzplätze der Restaurants am Burgplatz erfreuen sich riesiger Beliebtheit und die Anwohner haben jeden Abend Gäste. Der Grund: Die Bühne des Staatstheaters Braunschweig zieht ins Freie und bereitet sich auf eine spektakuläre Aufführung vor. Im Rahmen des Burgplatz-Open-Airs steht dieses Jahr Guiseppe Verdis Nabucco auf dem Programm.

Mehr als eine Woche vor der Premiere durfte ich einen Blick ins Innere der Arena und hinter die Kulissen werfen. Hier herrscht geschäftiges Treiben: Tacker, Bohrmaschinen und Schleifgeräte laufen heiß. Jede freie Minute zwischen den Proben wird genutzt, um den Bühnen- und Tribünenaufbauten den letzten Schliff zu geben. Inmitten des Gewusels finden Regisseur Klaus Christian Schreiber, die Bühnen- und Kostümbildnerin Corinna Gassauer und Dirk Schulze, Leiter der Bühnentechnik, Zeit für ein Schwätzchen.

Man sieht Dirk Schulze und Corinna Gassauer auf der Open-Air-Bühne.
Außergewöhnlicher Arbeitsplatz: Dirk Schulze und Corinna Gassauer auf der Open-Air-Bühne. (Foto: Beate Ziehres)

Im Rund vor der Zuschauerarena liegen 90 Tonnen Sand und riesige Steinquader. Stufen in Steinoptik führen hinauf zu einem Thron, der auf Augenhöhe des Braunschweiger Löwen steht. Farblich wird die Szenerie am Ende perfekt mit den Mauern der Burg harmonieren.

Ein Blick von der Tribühne zeigt die harmonische Farbgebung der Bühne.
Harmonische Farbgebung. (Foto: Beate Ziehres)

Nabucco auf dem Burgplatz – Herausforderung für Handwerker

Corinna Gassauer hat auf dem Burgplatz ein kleines, antikes Babylon aufbauen lassen. Der Sand verdeutlicht die Lage der antiken Mega-Stadt mitten in der Wüste. Doch die Bühnenbildnerin ist noch nicht zufrieden. An manchen Stellen weisen die Steine, die in Wirklichkeit aus wasserfesten Multiplex-Platten sind, nicht die richtige Patina auf. Da müssen die Maler noch mal ran.

Die Handwerker sind genau wie die Tischler und Schlosser, die hier heute arbeiten, Mitarbeiter des Staatstheaters.

„Wir haben die Bühne nach den Entwürfen von Frau Gassauer komplett selbst gebaut!“

erklärt mir Dirk Schulze, Leiter der Bühnentechnik.

Die Open-Air-Bühne ist immer eine besondere Herausforderung. Das beginnt schon mit der Gestaltung, denn das Bühnenbild soll in den Burgplatz integriert werden. „Man bekommt eine Bühne, auf der ein Löwe steht!“, entrüstet sich Corinna Gassauer scherzhaft.

Sie hat das Problem mit einem Zwischenbau gelöst, auf dem in acht Metern Höhe der umstrittene Thron als Sinnbild für die Macht platziert ist. „Von hier oben aus kann man Zwiegespräche mit dem Löwen führen“, schmunzelt Corinna Gassauer. Sie hat schon festgestellt, dass der Platz in luftiger Höhe bei den Darstellern sehr beliebt ist.

Die Umsetzung des Entwurfs für den Burgplatz stellt die Bühnenbauer vor weitere Herausforderungen. „Die Aufbauten müssen nicht nur einen kräftigen Gewitterguss unbeschadet überstehen. Da bei leichtem Regen weitergespielt wird, müssen die Stufen auch bei Feuchtigkeit rutschfest sein“, so Dirk Schulze. Sand, der im Laufe der Vorstellung auf die Treppen gelangt, ist ebenfalls ein Unsicherheitsfaktor: „Vor jeder Vorstellung wird gründlich gefegt“, erklärt der Bühnenmeister.
 

Verdis Nabucco: Machtkampf auf dem Burgplatz

Doch das sind kleine Sorgen, verglichen mit dem großen Drama, das die 86 Darsteller auf die Bühne bringen. Es geht um einen mit ganzer Kraft und Wut geführten Machtkampf zwischen dem babylonischen König Nebukadnezar II – italienisch Nabucco – und seiner Tochter Abigaille.

Die Vorstellung auf dem Burgplatz beginnt mit dem Auftritt einer jungen Archäologin. Sie findet Tonplatten, die die Existenz von Abigaille belegen. „Wir graben gewissermaßen die Geschichte von Abigaille aus, von der keiner wusste, dass es sie gab“, erklärt Regisseur Klaus Christian Schreiber. So werden die Zuschauer in der Gegenwart abgeholt und in die Vergangenheit entführt.

100 Kostüme sind fertig

Corinna Gassauer hat nicht nur die Bühne, sondern auch die Kostüme für die Solisten und die berühmten Nabucco-Chöre entworfen. Auch hier sind die Anforderungen einer großen Open-Air-Veranstaltung sehr spezifisch. „Die Kostüme für die Chöre müssen beispielsweise sowohl Hebräer als auch Babylonier darstellen. Und alle Kostüme sollen für Wärme und Kälte gleichermaßen geeignet sein“, beschreibt Corinna Gassauer die Aufgabe.  Die spezialisierte Schneiderei des Staatstheaters hat knapp 100 Kostüme für jeden einzelnen Darsteller maßangefertigt.

Wenn die Chöre dann durch die Eingänge auf die Bühne strömen und die weltberühmten Kompositionen Verdis anstimmen, ist Gänsehaut vorprogrammiert. Damit auch die Arien authentisch und perfekt beim Publikum ankommen, hat die Tontechnik ganze Arbeit geleistet. Die Solisten sind mit kleinen Sendern ausgestattet. So ist der Gesang tatsächlich von der Stelle zu vernehmen, an der die Opernsänger stehen.

Außerordentlich kurze Probezeit für Nabucco

Bis zur Premiere am 17. August wird es täglich zwei Proben auf dem Burgplatz geben. „Für die Darsteller und den Regisseur ist das Open Air ebenfalls eine Herausforderung, denn sie müssen quasi mit einem fertigen Stück hierher kommen. Die Situation auf dem Burgplatz lässt sich nicht auf einer Probebühne abbilden “, weiß Dirk Schulze. Die Probezeit ist auf dem Burgplatz von üblicherweise drei Wochen auf acht Tage reduziert.

Mitarbeiter testen, wo ein Banner am besten aufgehängt wird.
In Sachen Bannerplatzierung besteht noch Diskussionsbedarf. (Foto: Beate Ziehres)

Drama mit Pferd

Übrigens erhalten die Nabucco-Darsteller tierische Verstärkung. In einer Szene spielt ein echtes Pferd mit. Es wird auch bei einigen Proben dabei sein. Trotzdem haben sich die Sänger, die mit dem Pferd arbeiten, schon im Vorfeld mit dem Tier bekannt gemacht. Das Pferd ist besonders ausgebildet, es ist ein Therapiepferd des Reit- und Therapiezentrums Braunschweig.   

Wer wie ich hinter die Kulissen des Burgplatz-Open-Airs blicken möchte, kann an einer besonderen Führung teilnehmen. Sie finden am Sonntag, 18. August, Dienstag, 20. August, Sonntag, 25. August, Freitag, 30. August und Samstag, 31. August, statt. Die Führungen dauern jeweils 30 Minuten und starten eine Stunde vor Beginn der Vorstellungen. Die Kosten belaufen sich auf 5 Euro pro Person.
 

Das Staatstheater Braunschweig ist einer von 100 zeitORTEn in der Region Braunschweig-Wolfsburg.