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30 Jahre Grenzöffnung – Helmstedter Universitätstage thematisieren Demokratie

  • Datum: 27. August 2019
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 (Bildrechte: Verein Grenzenlos)
Foto von Beate Ziehres
Beate Ziehres
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Unglaublich: 30 Jahre ist es her, dass sich der Eiserne Vorhang zwischen West- und Osteuropa wie von Zauberhand öffnete. Dass Familien, die sich teilweise jahrzehntelang nicht sehen durften, Wiedersehen feierten. Dass sich wildfremde Menschen weinend in den Armen lagen. Dass Trabbi-Kolonnen in die grenznahen Städte rollten, DDR-Bürger in langen Schlangen auf die Auszahlung des Begrüßungsgelds warteten und Elektrogeschäfte leerkauften.

Die Jüngeren haben das denkwürdige Ereignis vom 9. November 1989 nicht erlebt. Auch ich kann mich nur an den Berichten der Leute freuen, die in Helmstedt und Umgebung dabei waren, als sich die Grenze öffnete. Aber ich erinnere mich, dass ich meinen Ohren nicht traute, als ich am Morgen des 10. November im Radio die Nachricht hörte.

Dabei hat es sich um ein Versehen gehandelt, als ZK-Mitglied Günter Schabowski vor internationaler Presse nach kurzem Zögern murmelte, die angekündigte Reisefreiheit gelte sofort. Die DDR-Bürger konnten die Nachricht zuerst nicht glauben. Die Grenzer erst recht nicht.

Eine Ärztin als Vorhut

In den ersten Stunden nach der Meldung wagte sich nur eine mutige Frau an den Grenzübergang Marienborn, um den Wahrheitsgehalt der sensationellen Kunde zu überprüfen. Es war die Ärztin Annemarie Reffert und sie musste erst mit den Grenzbeamten diskutieren, um in den Genuss der neuen Reisefreiheit zu kommen. Es heißt, sie habe eine Runde durch das schlafende Helmstedt gedreht und sei dann wieder nach Hause gefahren.

Was jedoch am nächsten Tag geschah, ist allseits bekannt. Wer noch einmal eintauchen möchte in den Rausch der Glückseligkeit, in dem Deutschland in diesen Tagen schwelgte, der googele nach Belieben „Wiedervereinigung“, „Grenzöffnung“ oder „Mauerfall“.

Trabbi-Kolonne am Ortseingang von Helmstedt.
Trabbi-Kolonne am Ortseingang von Helmstedt 1989. (Foto: Verein Grenzenlos / Günter Mach)

Heute – 30 Jahre später – hat sich auf beiden Seiten des ehemaligen Eisernen Vorhangs längst Ernüchterung eingestellt. In den neuen Bundesländern sind gerade ältere Leute überzeugt, dass in der DDR vieles besser war. Und im Westen hat man erkannt, dass das Wirtschaftswunder, das mit der Grenzöffnung einher ging, nicht ewig anhielt.

Bei uns im Osten Niedersachsens und im Westen Sachsen-Anhalts sind die Wirtschaftsräume zusammengewachsen und die Menschen haben zusammengefunden. Gemeinsam haben die Verantwortlichen beispielsweise überlegt, wie die Erinnerung an die Euphorie der Wiedervereinigung und das Grauen des Eisernen Vorhangs lebendig erhalten werden kann.

Das ist in Helmstedt anders als anderswo

Zwar gibt es bundesweit viele Museen, Gedenkstätten und Denkmale, die sich mit den Themen der deutschen Teilung und Wiedervereinigung befassen. Doch in Helmstedt ist der Blick von West nach Ost und von Ost nach West möglich. Dieser Perspektivwechsel ist laut  „Grenzenlos – Wege zum Nachbarn e.V.“ einzigartig in Deutschland.

Im Verein „Grenzenlos – Wege zum Nachbarn e.V.“ haben sich auf Initiative Helmstedts das Land und der Landtag Sachsen-Anhalt, die Gemeinde Hötensleben, der Verein Deuregio Ostfalen e.V. sowie Stadt und Landkreis Helmstedt zusammengeschlossen. Ziel des 1997 gegründeten Vereins ist es, deutsche Geschichte erlebbar zu machen.

Rundfahrt Grenzenlos

Die Region Helmstedt-Marienborn-Hötensleben versteht sich als Mekka all derjenigen, die sich eingehend mit der Geschichte der deutschen Teilung befassen wollen. Denn Mauern und Stacheldraht wurden hier nicht restlos abgerissen. An einigen Stellen  blieben sie als Mahnmal stehen.

So können Besucher in Hötensleben bei Schöningen die DDR-Grenzanlagen, im Osten auch „antifaschistischer Schutzwall“ genannt, im Originalzustand studieren. Auf einer Länge von 350 Metern sind unter anderem Sichtblendmauer, Signalzaun, Sicht- und Schussfeld sowie die Grenzmauer erhalten.

Man sieht alte Grenzmauern und Stacheldraht am Grenzdenkmal Hötensleben
Grenzdenkmal Hötensleben (Foto: Verein Grenzenlos / Matthias Behne)

Ein paar Kilometer weiter wurde die größte Grenzübergangsstelle zwischen der DDR und der BRD zur Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn. Orte des Grauens wie die Passkontrolle mit den Förderbändern zum Stabsgebäude und die Kontrollgarage können heute besichtigt werden. Früher stauten sich die Fahrzeuge hier kilometer- und stundenlang und manch einer kann von nervenaufreibenden Kontrollen erzählen.

Heute kommt man hier ohne Stau von Ort zu Ort. Organisierte Busrundfahrten, die im Zonengrenz-Museum Helmstedt starten und enden, bringen Besucher nach dem Museumsbesuch nach Hötensleben und Marienborn. Die Rundfahrt Grenzenlos ist ein Teil des Projekts Grenzenlos – einem von 100 ZeitOrten in der Region Braunschweig-Wolfsburg.

Helmstedter Universitätstage

Auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Grenzen ist Bestandteil des Projekts Grenzenlos. Dies geschieht im Rahmen der Helmstedter Universitätstage in diesem Jahr bereits zum 25. Mal.

Seit einem Vierteljahrhundert finden die Universitätstage im Gebäude der altehrwürdigen Academia Julia statt. Anfangs im eher bescheidenen Rahmen der Bibliothek, die jedoch nur 100 Zuhörern Platz bietet. Deshalb zog man später in den prachtvollsten und größten Raum der Universität um: in die Aula.

Hier im Juleum treffe ich auch Anja Kremling-Schulz, Fachbereichsleiterin Kultur und Tourismus der Stadt Helmstedt. Sie ist seit vielen Jahren für die Organisation der Universitätstage zuständig. Anja Kremling-Schulz hat miterlebt, wie sich die anfänglich eher kleine Veranstaltung mit dem etwas elitären Ruf zu dem entwickelt hat, was sie heute ist.

„Am Anfang mussten wir noch Referenten für die Vorträge akquirieren, inzwischen fragen Referenten bei uns an“, freut sich Kremling-Schulz über den Erfolg. Sie hat auch bemerkt, dass die Referenten – meist namhafte Professoren aus dem gesamten deutschen Raum und darüber hinaus – jetzt tendenziell länger in Helmstedt verweilen.

Helmstedter Uni-Kino

Da lockt beispielsweise der Kinofilm, der traditionell am Vorabend der Universitätstage im Helmstedter Kino Roxy Lichtspiele auf das Thema einstimmt. In diesem Jahr läuft „Gundermann“, ein biografischer und gleichzeitig ein Musikfilm über Gerhard Gundermann.

Der Baggerfahrer und Liedermacher „Gundi“ Gundermann hat kurz und intensiv in der DDR gelebt. Der Film vermittelt unter anderem die Widersprüchlichkeit des Lebens in dem untergegangenen Land. „Grundsätzlich wollen wir nicht nur einen Film zeigen, sondern auch mit dem Kinopublikum ins Gespräch kommen“, sagt Anja Kremling-Schulz. Deshalb lädt sie wenn möglich auch den Regisseur des jeweiligen Films ins Roxy ein.

Anna Unterberger und Alexander Scheer im Film „Gundermann“.
Anna Unterberger und Alexander Scheer in „Gundermann“. (Foto: © Peter Hartwig / Pandora Film)

Da die Filme immer gut ankommen, wurde das Programm des Helmstedter Uni-Kinos ausgedehnt. In diesem Jahr umfasst es in Kooperation unter anderem mit der Defa-Stiftung insgesamt vier Filme.

Veranstalter sprechen verstärkt junges Publikum an

Diese Entwicklung unterstützt auch das Ziel der Veranstalter, verstärkt junges Publikum für die Helmstedter Universitätstage zu gewinnen. Deshalb erstellt ein junges Helmstedter Startup in diesem Jahr einen Film, der auf Youtube online gehen wird. Die sozialen Medien sollen intensiver genutzt werden, um die Universitätstage bekannter zu machen.

„Wir sehen in der Gesellschaft durchaus demokratiefeindliche Tendenzen. Dem wollen wir mit Bildung entgegenwirken. Wir werden zeigen, wo es hinführen kann, wenn die Demokratie nicht mehr wertgeschätzt wird“, verdeutlicht Anja Kremling-Schulz das Ansinnen. „Mit den Universitätstagen wollen wir einen kleinen aber wichtigen Beitrag leisten.“

Thema 2019: „Auf dem Weg nach Weimar? Demokratie und Krise“

So geht es nicht nur in den Vorträgen im Hauptprogramm um das diesjährige Thema „Auf dem Weg nach Weimar? Demokratie und Krise“. Auch im Rahmenprogramm ist das Thema allgegenwärtig. Beispielsweise in der Kabarettvorstellung mit Sebastian Schnoy „Und plötzlich Demokratie“. Auch eine musikalische Reise von Pankow nach Las Vegas und eine musikalische Revue mit dem Titel „Die goldenen 20er“ stehen auf dem Programm.

Die Jugend ist jedoch nicht nur als Publikum angesprochen, sondern gestaltet traditionell einen Teil der Universitätstage mit. Schüler der beiden Helmstedter Gymnasien nähern sich dem jeweiligen Thema der Universitätstage auf wissenschaftliche Art und Weise. Im Rahmen der Schüler-Universitätstage tragen die Jugendlichen ihre Facharbeiten öffentlich vor.

Für die Universitätstage zu werben gehört zu den Aufgaben der Auszubildenden der Stadt Helmstedt, hier Lea Trautmann mit Anja Kremling-Schulz.
Für die Universitätstage zu werben gehört zu den Aufgaben der Auszubildenden der Stadt Helmstedt, hier Lea Trautmann mit Anja Kremling-Schulz. (Foto: Beate Ziehres)

An der Einheit Deutschlands zu arbeiten, wie dies der Verein Grenzenlos – Wege zum Nachbarn e. V. tut, ist 30 Jahre nach der Grenzöffnung immer noch notwendig. Aller gefühlten Normalität zum Trotz ist die ehemalige Grenze nicht nur an den großen braunen Hinweisschildern erkennbar.

In den Regalen der Supermärkte in Weferlingen stehen andere Waren als in vergleichbaren Geschäften in Grasleben oder Helmstedt. Neben den Preisen für alltägliche Dinge des Lebens sind auch Löhne und Gehälter jenseits der ehemaligen Zonengrenze immer noch niedriger. Und wenn ich wissen möchte, was in Beendorf, Hötensleben und Harbke los ist oder war, muss ich online recherchieren.


Weitere Informationen, Termine und Anmeldung

Die 25. Helmstedter Universitätstage finden vom 26. bis 29. September überwiegend im Juleum, Collegienstraße 1, Helmstedt, statt. Der Eintritt ist zu allen Veranstaltungen mit Ausnahme der musikalischen Revue „Die goldenen 20er“ frei. Für die Revue im Brunnentheater sind Tickets bei allen bekannten Vorverkaufsstellen erhältlich.

Es wird empfohlen, sich für die Eröffnungsveranstaltung und das Rahmenprogramm anzumelden. Das detaillierte Programm und nähere Informationen finden Sie hier. http://www.universitaetstage.de/index.php?id=24

Das ganze Programm zur 30. Wiederkehr des Mauerfalls kann auf dieser Webseite http://www.grenzdenkmaeler.de heruntergeladen werden.

Projekt Grenzenlos

Markt 1
38350 Helmstedt