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Schloss Blankenburg – auf den Spuren der Welfen

  • Datum: 1. April 2022
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Von einst 60 Kachelöfen sind vier erhalten geblieben.  (Bildrechte: Beate Ziehres)
Foto von Beate Ziehres
Beate Ziehres
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Nur der Himmel weiß, wie Kaiser Lothar mit seinen Mannen und all die Grafen und Herzöge die Blankenburg gefunden haben. Ganz ohne Maps und andere moderne Technik! Für mich gestaltet sich die Anreise zum Großen Schloss Blankenburg auf jeden Fall abenteuerlich: Ich quäle meine Kutsche über steile, ausgefahrene Kopfsteinpflastergassen und kapituliere schließlich auf einem unbefestigten Pfad mit dem verheißungsvollen Namen Schlossberg. Viele Meter über mir erheben sich geradezu drohend mächtige Mauern. Das muss es sein, das Große Schloss!

Ich beschließe, den Rest des Wegs auf Schusters Rappen zurückzulegen. Da klingelt das Telefon. Göran Heßler ruft an. Der stellvertretende Präsident des Vereins Rettung Schloss Blankenburg e. V. fragt, ob ich das Schloss finde. Ja nein! Er rät mir dringend, wieder ins Auto zu steigen und weiterzufahren. Nach fünf Minuten fahre ich tatsächlich durch das eindrucksvolle Schlosstor auf den Hof, wo Göran Heßler mich in Empfang nimmt. Den Trick, mit dem ich die Auffahrt zum Schloss gefunden habe, verrate ich euch am Ende des Beitrags.

Warum Schloss Blankenburg ein zeitORT ist

Gewitzte Leser mögen nun einwerfen: „Warum überhaupt Blankenburg? Stadt und Schloss liegen weit entfernt von Braunschweig, Wolfsburg und der dazugehörigen Region.“ Stimmt! Heute liegt Blankenburg im sachsen-anhaltinischen Landkreis Harz. Doch als Herz der einstigen Residenzstadt im alten Braunschweigischen Land zählt das Große Schloss Blankenburg zu den zeitORTEn. Schließlich handelt es sich hierbei um das größte noch erhaltene Welfenschloss. Und so wandele ich mit Göran Heßler auf den Spuren der Welfen durch die vierflügelige Anlage.

Schloss Blankenburg ist Partner im Netzwerk der zeitORTE

Restaurierungsarbeiten in der Kapelle

Unser Rundgang beginnt in der Schlosskirche. Hier riecht es durchdringend nach Lösemittel. Der Restaurator Matthias Pröpper und seine Mitarbeiter arbeiten auf einem Gerüst unter der Decke. Hochkonzentriert injizieren sie mit Minispritzen Lösemittel in den Putz.

Die Restauratoren bei der Arbeit.
Die Restauratoren bei der Arbeit. (Foto: Beate Ziehres)

Quadratdezimeterweise wird das Deckenfresko, das ursprünglich aus dem Jahr 1713 stammt, auf diese Weise von einem Weißschleier befreit.  Die Restauratoren legen die pastellige Originalfarbe frei und eine Ölemulsion, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgebracht wurde. „Herzog Wilhelm hat wohl die Übermalung in Auftrag gegeben, um die Originalfarben zu vertiefen und aufzufrischen“, erläutert Matthias Pröpper. Er ist Mitglied des Vereins „Rettung Schloss Blankenburg“ und arbeitet mit seinem Team seit sieben Wochen am Fresko eines unbekannten, wahrscheinlich italienischen Künstlers.

Er erklärt mir auch die Besonderheit an diesem Fresko: In den Putz wurden zauberhafte Engel und andere Figuren, die teilweise schon wieder zu sehen sind, eingeritzt und erst dann ausgemalt. „Wir werden erst alles freilegen und dann überlegen, wo wir mit Retusche verfeinern“, sagt Pröpper zur Vorgehensweise.

 

Wie Bürger Eigentümer von Schloss Blankenburg wurden

„15 Jahre haben wir für die Grundsanierung aufgewandt. Nun gehen wir in die Phase der Restaurierung. Das ist neu“, sagt Göran Heßler. In der Kapelle, die in der Form eines Oktagons angelegt wurde und an den Aachener Kaiserdom erinnert, liegt das Gebälk teilweise frei. Seit 1992 stand das Schloss leer, Wasser drang durch das undichte Dach tief in die Gebäudesubstanz ein. Beispielsweise durch Induktionsbohrungen wurde ab 2004 begonnen, den sich ausbreitenden Schwamm zu bekämpfen.

Der bedauernswerte Zustand des Schlosses war auch Anlass für die Gründung des Vereins Rettung Schloss Blankenburg e. V. „Bürger, die den Leerstand nicht mehr ertragen konnten, haben die Initiative ergriffen und den Verein im Februar 2005 gegründet“, berichtet Göran Heßler.

Als das Schloss im Jahr 2008 zwangsversteigert wird, erhält die gemeinnützige Großes Schloss Blankenburg GmbH, eine Tochtergesellschaft des Vereins, den Zuschlag. So wurden 885 Jahre nach der ersten urkundlichen Erwähnung und nach Kaiser Lothar III, den Grafen von Regenstein-Blankenburg und den Welfen Bürger von Blankenburg Eigentümer des Schlosses. „Mittlerweile sind zehn Millionen Euro öffentliche Mittel in das Schloss geflossen. Eine weitere Million hat der Verein selbst erwirtschaftet“, sagt der stellvertretende Vereinspräsident.

So wurden beispielsweise mächtige Dachbalken und bis zu 60 Prozent des Dachstuhls erneuert. Jetzt sind insgesamt 4.500 Quadratmeter Dachfläche abgedichtet und im fertig sanierten Neuen Flügel ist es merklich wärmer als im Rest des Schlosses, weil man hier im Winter heizt. „Vor fünf Jahren war an manchen Stellen des Neuen Flügels noch der Himmel durch das Dach zu sehen“, erinnert sich Heßler. Jetzt wird der Graue Saal – früher des Herzogs Speisesaal – als stilvolles Trauzimmer genutzt.

Sich stilvoll trauen im Grauen Saal – ist möglich.
Sich stilvoll trauen im Grauen Saal – ist möglich. (Foto: Beate Ziehres)

Kult und Kultur auf Schloss Blankenburg

Im Schlosstheater erschließt sich Besuchern der Unterschied zwischen restaurierten und nicht restaurierten Bereichen auf einen Blick. Dennoch hat sich das Theater zu einem kulturellen Anziehungspunkt in Blankenburg entwickelt. Die Vorstellung von „Dinner for one“, die an Silvester traditionell zweimal nacheinander über die Bühne geht, hat auch hier Kultstatus erlangt. Doch auch auf Schloss Blankenburg hat Corona Tribut gefordert.

Göran Heßler, stellvertretender Präsident des Vereins Rettung Schloss Blankenburg e.V. (Bildrechte: Beate Ziehres)

Viele Veranstaltungen mussten abgesagt werden, wir hatten in den vergangenen zwei Jahren kaum Einnahmen. Für uns bedeutet das: kein Eigenkapital, weniger Fördermittel. Wir brauchen einen intensiven Geldregen, damit die Sanierung weitergehen kann.

Göran Heßler, stellvertretender Präsident Verein Rettung Schloss Blankenburg e.V.

Nun hoffen die Verantwortlichen auf den kommenden Sommer. Von April bis in den Herbst sind Vorträge, Lesungen, Theateraufführungen und eine Operngala geplant. Auch Prinz Heinrich von Hannover hat sich wieder mit einem Gast für eine Lesung angekündigt. Der Welfenprinz kommt regelmäßig nach Blankenburg und ist Garant für ein rappelvolles Schlosstheater.

 

Auf der Spur der Welfen durch das Haus

Schloss Blankenburg war nach dem Aussterben der Regenstein-Blankenburger Grafen für beinahe 350 Jahre im Besitz der Welfen. Während des Rundgangs durch das Schloss begegnen uns immer wieder illustre Familienmitglieder, zumindest Erinnerungen an sie.

Beispielsweise auf dem Dachboden über der Schlosskapelle. Hier legte Ludwig Rudolf, späterer Herzog von Braunschweig, Ende des 17. Jahrhunderts eine Sammlung mit 15.000 Büchern an. Diese Bibliothek soll den Grundstock für die Universitätsbibliothek in Braunschweig gebildet haben. Anhand von Markierungen auf dem Boden kann ich erkennen, wie die Regale angeordnet waren. „Die Bücherregale standen aus statischen Gründen auf den Säulen der Kapelle“, erklärt Göran Heßler.

In der Bibliothek Ludwig Rudolfs: Die Markierungen zeigen die ehemalige Position der Regale an.
In der Bibliothek Ludwig Rudolfs: Die Markierungen zeigen die ehemalige Position der Regale an. (Foto: Beate Ziehres)

Und er weiß noch mehr zu berichten über Ludwig Rudolf, einen Sohn des Herzogs Anton Ulrich. Im Jahr 1690 geriet er in Kriegsgefangenschaft. Der adligen Abstammung sei Dank wurde Ludwig Rudolf jedoch nicht in den Kerker gesteckt, sondern verbrachte die Gefangenschaft am Hofe Ludwig 14., auch der Sonnenkönig genannt. Bei dieser Gelegenheit kam Ludwig Rudolf auch nach Versailles. Als er bei seiner Rückkehr in heimische Gefilde von seinem Vater Schloss Blankenburg bekam, ließ er das Anwesen nach dem Vorbild von Versailles zum vierflügeligen Barockschloss ausbauen.

 

Baumeister und Handwerker von Rang und Namen

Als Baumeister gewann Ludwig Rudolf, erster Fürst von Blankenburg, Hermann Korb. Die typischen Korb’schen Ochsenaugen – ovale Fenster – sind im Kaisersaal aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts erhalten geblieben. Anhand der Ahnengalerie, die hier präsentiert wird, lerne ich übrigens, dass die österreichische Kaiserin Maria Theresia eine Enkelin von Ludwig Rudolf war.

Kaisersaal mit improvisierter Ahnengalerie.
Kaisersaal mit improvisierter Ahnengalerie. (Foto: Beate Ziehres)

Vor meinem geistigen Auge lässt Göran Heßler die Bauzeit wieder lebendig werden. Italienische Handwerker kommen in den Nordharz, um die im Hof vorgefertigten Kapitelle in der Kapelle zu vollenden. Pilaster aus Harzer Holz erhalten einen kunstvollen Anstrich und erscheinen bis heute in Marmoroptik.

Doch so schön es auch ist in Blankenburg – als Ludwig Rudolf regierender Fürst von Braunschweig-Wolfenbüttel wird, zieht es ihn dorthin. Blankenburg wird Jagdschloss und Witwensitz.

 

Regionale Baumaterialien, arabische Malereien, DDR-Tapete

Der Rundgang führt uns auch durch Herzog Wilhelms Spielzimmer. Hier überrascht mich ein Kamin aus Harzer Marmor. Das edle Baumaterial wurde in Rübeland abgebaut.

Als letzte adlige Bewohnerin hat auch Prinzessin Viktoria Luise Spuren in Schloss Blankenburg hinterlassen. Die arabischen Malereien, die das Kreuzgewölbe in ihrem Wohnflügel verzierten, haben ihr wohl nicht gefallen. Sie hat die orientalischen Muster übermalen lassen.

Apropos Muster: Für Freunde von DDR-Tapeten ist Schloss Blankenburg die reinste Fundgrube. Im ganzen Schloss einschließlich der Kapelle kleben noch Reste der typischen Mustertapeten an den Wänden. Nach dem Krieg zogen hier zuerst ein Genesungsheim und dann eine Fachschule für Binnenhandel ein. Bis 1991 lebten und lernten hier 200 Studentinnen und Studenten. Da wurde die Kapelle zum Klassenzimmer, das Jagdzimmer zum Ärztezimmer, und sogar einen Kindergarten gab es auf dem Schloss.

Tapetenrest in der Schlosskapelle.
Tapetenrest in der Schlosskapelle. (Foto: Beate Ziehres)

So kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass Schloss Blankenburg eine bewegte Geschichte hat. Die erste Burganlage wurde wohl auf dem Fels gegründet, auf dem heute das Theater ruht. Diese Anlage könnte schon im 6. Jahrhundert entstanden sein. Im Jahr 1123 wurde die Burg erstmals erwähnt. Kaiser Lothar III. von Süpplingenburg nahm von Blankenburg aus die Heimsburg ein, eine der größten Reichsfesten im heiligen römischen Reich. Übrigens hat das einzige Kind des Sachsenkönigs Lothar, Gertrud von Süpplingenburg, mit Heinrich dem Stolzen einen Welfen geheiratet.

Atemberaubende Aussicht von einem der höchsten Punkte der Burg.
Atemberaubende Aussicht von einem der höchsten Punkte der Burg. (Foto: Beate Ziehres)

Mit Göran Heßler laufe ich noch einmal um den sagenumwobenen Fels und genieße vom Plateau die Aussicht über Blankenburg und das nördliche Harzvorland. Beim Blick auf die Gassen Blankenburgs fällt mir wieder ein, dass ich einen Navigationshinweis geben wollte: Wer den Berg, auf dem Schloss Blankenburg thront, nicht zu Fuß besteigen möchte, gibt „Schieferberg“ ein und biegt am Ende der Straße links ab. Hier ist das Große Schloss Blankenburg ausgeschildert.

Großes Schloss Blankenburg

Eröffnung der Schlosssaison 2022 am 2. April (Veranstaltungen)

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Sonntag ist der Innenhof geöffnet.

Führungen Samstag von 14 bis 16 Uhr

Details unter https://www.rettung-schloss-blankenburg.de/schloss/oeffnungszeiten-fuehrungen/

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Schloss Blankenburg

Großes Schloss 1
38889 Blankenburg (Harz)