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Markgrafscher Hof: Geschichten von Hof, Dorf und Salz

  • Datum: 8. August 2021
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Der Markgrafsche Hof – heute ein Schmuckstück.  (Bildrechte: Beate Ziehres)
Foto von Beate Ziehres
Beate Ziehres
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Geschichtsfans sind gut aufgehoben bei Gabriele und Heinrich Lohrengel in Grasleben. Das Ehepaar ist ein wandelndes Regionalgeschichtsbuch. Bei meinem Besuch auf dem Markgrafschen Hof erläutert Heinrich Lohrengel beispielsweise die Besonderheiten der thüringisch-fränkischen Bauweise, die in Grasleben früher vorherrschte. Gabriele Lohrengel entführt mich geistig zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts, die Zeit der Bauernbefreiung im Herzogtum Braunschweig-Lüneburg. Und schließlich überrascht mich das Paar mit der Nachricht, dass im Ort immer wieder unglaubliche Schätze auftauchen.

Der Markgrafsche Hof und das hier befindliche Museum sind ein Zeitort im wahrsten Sinne des Wortes. Seit 2012 ist hier die Ausstellung „Geschichte(n) von Hof, Dorf und Salz“ zu sehen. Am Ende meines Besuchs werde ich feststellen: Die Reise nach Grasleben und die Begegnung mit dem Ehepaar Lohrengel ist eine echte Bereicherung für alle, die sich für die Geschichte des Ortes und der Region interessieren.

Der Hof

Doch beginnen wir mit dem Hof, dem Markgrafschen Hof. Es handelt sich hierbei um einen Dreiseithof in der besagten thüringisch-fränkischen Bauweise, erbaut im Jahr 1866. „Alle Höfe hier in Grasleben waren so gebaut: zweigeschossiges Fachwerk auf einem Keller, Krüppelwalmdach, Traufrichtung Ost-West, der Giebel der Wetterseite ist mit Ziegeln behangen. Und: Jedes Haus hatte zur Straßenseite sechs Fenster in der gleichen Anordnung!“, erklärt mir Heinrich Lohrengel.

Der Verein „Der Markgrafsche Hof – Museum Grasleben e. V.“, hat den Hof im Jahr 2001 gekauft. Schon vorher hatte der Verein, dessen 1. und 2. Vorsitzende(r) vor mir stehen, Ausstellungsräume auf dem Hof gemietet. Zum Zeitpunkt des Kaufs war der Hof in einem erbärmlichen Zustand. So war beispielsweise die Fassade mit Asbest verkleidet, das Dach mit Betonziegeln gedeckt und die Schwellbalken teilweise verfault. Bildmaterial dokumentiert in der Dauerausstellung den ursprünglichen Zustand und die Zwischenschritte bis heute.

Zustand von 1870 wiederhergestellt

Die Sanierungsarbeiten konnten ab 2001 nur mit halber Kraft beginnen, denn im Erdgeschoss des Bauernhauses wohnten noch die Vorbesitzer. Die neuen Eigentümer beschränkten sich zuerst auf Erhaltungsmaßnahmen, wozu jedoch der Austausch  verrotteter Schwellbalken zählte. „Wir haben versucht, sie selbst auszutauschen, können Sie sich das vorstellen? Das werde ich nie vergessen! Wir haben dann aber doch die Arbeit den Fachmännern überlassen.“, sagt Gabriele Lohrengel und zeigt mir zwei Stellen links und rechts der Haustüre. Weil die Ausfachung über dem Schwellbalken beim Entfernen des Balkens herausfiel, zog es im Haus ordentlich. Gabriele Lohrengel erinnert sich noch, dass sich die Hausfrau über die Zugluft beschwerte.

Nach dem Tod des Vorbesitzerehepaares entkernte der Verein mit vereinten Kräften das Erdgeschoss. „Wir haben es wieder in den Zustand von 1870 versetzt“, berichtet Heinrich Lohrengel. Den aus der Ausfachung entfernten Lehm fegten die Handwerker zusammen, rührten ihn mit Wasser an und brachten das Material wieder auf.

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Farbenfrohe Wandbemalung erhalten

Witzig: In der Diele wurde ein Stück Originalanstrich in Grün mit Bemalung freigelegt und erhalten. Auch in der Küche ist am Kamin zu sehen, dass die früheren Bewohner durchaus zu farbenfrohen Anstrichen neigten.

Originalwandanstrich im Flur.
Originalwandanstrich im Flur. (Foto: Beate Ziehres)

Wie auch immer: Den Plan, die Sanierungsarbeiten bis zum 100-jährigen Bestehen des Schachts in Grasleben abzuschließen, konnten Heinrich Lohrengel, Willy Pawolleck und das Handwerkerteam des Vereins einhalten. An dieser Stelle erwähnen die beiden Vorsitzenden insbesondere Theo Ittermann, Gerd Schultze, Uwe Hasenfuß, Christoph Maguerat und Rudolf Heußer. „Es hat aber nicht viel gefehlt und wir hätten hier übernachten müssen, um rechtzeitig fertigzuwerden“, erinnert sich Gabriele Lohrengel an die Plackerei.

Der Markgrafsche Hof – heute ein Schmuckstück.
Der Markgrafsche Hof – heute ein Schmuckstück. (Foto: Beate Ziehres)

Das Dorf

Dass Grasleben in den vergangenen 200 Jahren bewegte Zeiten erlebt hat – davon kann Gabriele Lohrengel so lebendig berichten, als wäre sie dabei gewesen. Eine neue Zeit brach beispielsweise mit der Bauernbefreiung in der Mitte des 19. Jahrhunderts an. Bis zu diesem Zeitpunkt bewirtschafteten die Grasleber Bauern die Höfe als Pächter des Klosters Mariental und waren diesem außerdem zu Hand- und Spanndiensten verpflichtet.

Erst nach dieser landwirtschaftlichen Revolution konnten die Bauern ihr bisheriges Pachtland als Eigentum erwerben und bauten eigene Häuser. In diese Zeit fällt auch die Erfindung des Kunstdüngers. „Die armseligen Böden in Grasleben lieferten plötzlich hohe Erträge. Bis 1900 konnten die Bauern deshalb viel Kapital anhäufen. Und da die Ernten gut waren, ist auch die Bevölkerung gewachsen“, weiß Gabriele Lohrengel.

 

Brauerei und Lungenheilanstalt in Grasleben

Noch vor der Jahrhundertwende ersann der Landwirt Markgraf neue Einnahmequellen. Eine entdeckte Quelle inspirierte ihn zur Gründung einer Brauerei. Außerdem erbaute die Familie Markgraf eine Lungenheilanstalt mit Kurpark und Kurhaus – Grasleben sollte Kurort werden. Im Gegensatz zur Brauerei kam der Kurbetrieb nie so richtig zum Laufen. Besonders hinderlich war, dass die Quelle, der Heilkräfte nachgesagt wurden, alsbald versiegte.

Passendes Relikt aus der Zeit, als Grasleben Kurort werden sollte.
Passendes Relikt aus der Zeit, als Grasleben Kurort werden sollte. (Foto: Beate Ziehres)

Doch Reichtum war nur einigen Bürgern Graslebens beschert. „Der Älteste erbte den Hof mit allem, was dazugehörte. Die anderen Kinder mussten zusehen, wo sie blieben“, so Gabriele Lohrengel. So entstand eine ausgeprägte Zweiklassengesellschaft im Dorf.

Bergbau brachte sichere Einkommen

1911 wendete sich das Blatt vor allem für die Ärmeren ohne eigenes Land: Der Schacht Grasleben wurde geteuft. In den ersten Jahren förderte man Kali, aus dem Düngemittel hergestellt wurde. Hier fanden Frauen auch abseits der Landwirtschaft Arbeit und Auskommen. Einige Jahre später stellte man die Förderung auf Steinsalz um. Mit dem Bergbau kamen neue Bewohner und neue Berufe nach Grasleben. Die Bergleute prägten fortan das gesellschaftliche Leben im Ort.

 

Das Salz

 

So widmen sich dem bis heute wichtigsten Erzeugnis Graslebens gleich mehrere Abteilungen der Dauerausstellung im Markgrafschen Hof. Da geht es einmal um die Entstehung der Salzstöcke im Allgemeinen und um die Salzlagerstätte, die in Grasleben ausgebeutet wird, im Besonderen.

Gabriele Lohrengels Lieblingsvitrine zeigt exemplarisch, wie das Salz nach Grasleben kam.
Gabriele Lohrengels Lieblingsvitrine zeigt exemplarisch, wie das Salz nach Grasleben kam. (Foto: Beate Ziehres)

Besonders erhellend finde ich persönlich den Part der Ausstellung, in dem erklärt wird, wofür Steinsalz aus Grasleben verwendet wird. Hatte ich mich doch öfter gewundert, wieso sich vor dem Betriebsgelände auch im Sommer bisweilen lange Warteschlangen aus riesigen Lastwagen bilden. In der warmen Jahreszeit, so mein Gedanke, wird doch gar kein Streusalz in solchen Mengen benötigt. Nach meinem Besuch des Markgrafschen Hofes weiß ich, dass Steinsalz beispielsweise Grundlage vieler chemischer Prozesse ist und infolgedessen ganzjährig benötigt wird.

Das Bergwerk und seine Nutzung während des 2. Weltkriegs

Im nächsten Raum erfahre ich, dass das NS-Regime im Ortsteil Heidwinkel unter Tage Munition von Zwangsarbeitern fertigen ließ. Und dass im sicheren Schacht Grasleben zum Ende des Krieges Kulturgut aus Deutschland und Polen eingelagert wurde. So gelangte beispielsweise der Domschatz von Gnesen, dem heutigen Gniezno, nach Grasleben.

Welche Schätze dort versteckt waren, haben Heinrich und Gabriele Lohrengel viele Jahrzehnte später mit eigenen Augen gesehen. Denn manche Stücke wurden offensichtlich entwendet und auf den heimischen Dachböden versteckt. „Erben haben uns beispielsweise historische Dokumente, Handschriften und offensichtlich etruskische Gegenstände gebracht“, erzählt Heinrich Lohrengel.

Lohrengel war so fasziniert von diesem Teil der Geschichte, dass er ein Buch darüber geschrieben und veröffentlicht hat. Es heißt „Das Versteck“ und ist selbstverständlich im Museum erhältlich.

Die Ausstellung zeigt alles rund um den Rohstoff Salz und seine Gewinnung.
Die Ausstellung zeigt alles rund um den Rohstoff Salz und seine Gewinnung. (Foto: Beate Ziehres)

Die Salzstreuer-Sammlung – rekordverdächtig?

Nun verlassen wir das Bauernhaus und gehen in die Scheune. Hier zwischen Kaffeestube und Trödelstube ist Gabiele Lohrengels Salzstreuer-Sammlung zu sehen. Naja, eigentlich sei die Sammlung nicht alleine ihr Werk, räumt die Vorsitzende des Vereins ein. „Nachdem das Fernsehen über die Sammlung berichtet hat, haben ganz viele Leute Salzstreuer geschickt“, schmunzelt Gabriele Lohrengel. Deshalb ist die Sammlung jetzt Gemeinschaftsgut und der Verein strebt einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde an.  

Die Sonderausstellung „100 Jahre Salzstreuer“ läuft seit 2019 und erzählt nicht mehr und nicht weniger als die Geschichte des Salzstreuers. „Der Salzstreuer ist jünger, als man gemeinhin annimmt“, erklärt Gabriele Lohrengel. „Bevor die US-amerikanische Firma Mortons Salt das Trennmittel erfand, war an Salzstreuen nicht zu denken. Vor 1919 nutzte man Salieren, also Salzschalen, um bei Tisch Salz anzubieten.“

 

Salzstreuer aus aller Welt

So beginnt die Ausstellung logischerweise mit Salieren. Neben der Vitrine mit den Salieren haben die Lohrengels ein paar große Salzbrocken drapiert „In dieser Form wird Speisesalz aus dem Berg geholt. Später werden die Brocken über Tage in einer Mühle zerkleinert,“ erklärt Gabriele Lohrengel. Vitrine für Vitrine schließt sich an, darin Salzstreuer aus allen denkbaren Materialien und aus aller Welt.

Der Salzstreuer aus Horn kommt aus Afrika.
Der Salzstreuer aus Horn kommt aus Afrika. (Foto: Beate Ziehres)

Einzeln oder als Paar mit einem Pfefferstreuer sind sie hier zu begutachten. Queen Elisabeth II ist mit ihrem Lieblingshund vertreten, Ottifanten und Janoschs Tigerenten sind da, aber auch Pudel, Elefanten, Nilpferde und Kraken.

Besonders stolz sind die Lohrengels auf einen Marinestreuer aus dem Jahr 1918. „Es ist ein Unikat und eine Ehre, ihn geschenkt bekommen zu haben“, sagt Heinrich Lohrengel. Hier im Ausstellungsraum ist auch das neueste Buch des Paares erhältlich: „100 Jahre Salzstreuer“.

"Fühlen uns der Ortsgeschichte verpflichtet"

Am Ende des Rundgangs habe ich nur noch eine Frage auf dem Herzen: Warum arbeiten die Beiden täglich rund sechs Stunden ehrenamtlich und unentgeltlich für den Verein und das Museum? „Wir sind Geschichtsfans und fühlen uns der Ortsgeschichte verpflichtet“, sagen die Lohrengels. Ihr Tun haben sie unter das Motto „Bewahren, Sammeln, Erforschen und Vermitteln“ gestellt. „Wenn wir uns den Dingen nicht annehmen, geht vieles unwiederbringlich verloren“, sagt Gabriele Lohrengel.

Gleichzeitig schmieden die Lohrengels Pläne für die Zukunft des Museums. So sollen Hof, Haus und Remise barrierefrei werden. Der Hof wird außerdem überdacht, damit man auch bei Regen draußen sitzen kann. „Der Markgrafsche Hof soll ein touristischer Anziehungspunkt in der Region werden“, ist sich das Paar einig.

Ich verlasse den Markgrafschen Hof um einiges schlauer, wie das bei Zeitorten so oft der Fall ist. Und nicht nur mir geht das so. „Es macht Spaß und man wird nicht dümmer“, sagt Heinrich Lohrengel über sein Engagement in Sachen Ortsgeschichte.

Der Markgrafsche Hof Museum Grasleben e.V.

Helmstedter Str. 13, 38368 Grasleben
Tel.: 05357-587
kontakt@museumgrasleben.de
https://www.museumgrasleben.de