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Historisches Museum Schloss Gifhorn: Zeitreise durch Stadt und Landkreis

  • Datum: 16. August 2020
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Blick auf den Schlossinnenhof und den Eingang zum Museum (Bildrechte: Beate Ziehres)
Foto von Beate Ziehres
Beate Ziehres
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Wenn sich das prächtige Welfenschloss Gifhorn im Schlossteich spiegelt, entstehen traumhaft schöne Bilder. Doch was spielt sich hinter den Fassaden des herrschaftlichen Bauwerkes ab? Dass der Landkreis Gifhorn als Eigentümer der Immobilie einen Teil der Räume als Büros nutzt, war mir bekannt. Und auch in die Schlosskapelle durfte ich schon früher einen Blick werfen. Doch jetzt ist es an der Zeit, genauer hinter die Kulissen von Schloss Gifhorn zu schauen. Deshalb bin ich mit Birthe Lehnberg verabredet. Birthe Lehnberg ist Leiterin des Historischen Museums Schloss Gifhorn.

Das Historische Museum Schloss Gifhorn erstreckt sich über vier Etagen eines Schlossflügels. Hier kann ich aufbrechen zu einer kurzweiligen Zeitreise. Was geschah in der Gegend rund um Gifhorn zwischen der Steinzeit und dem ausgehenden 19. Jahrhundert? Die Ausstellung erzählt menschliche und tierische Tragödien. Und sie birgt einige Schätze, von denen ich bisher nichts geahnt habe.

Das Museum ist Partner der zeitORTE

Knochen von Mammut und anderen steinzeitlichen Geschöpfen

Unsere Zeitreise beginnt im Keller, der Eingangsebene des Museums. Hier belegen einige Exponate, dass die Gegend bereits in der Altsteinzeit besiedelt war. Die älteste menschliche Hinterlassenschaft, die in Gifhorn gefunden wurde, ist ein rund 50.000 Jahre alter Faustkeil. Außerdem werden Mammutknochen und Knochen anderer steinzeitlicher Tiere gezeigt. „Diese Tiere wurden nachweislich von Menschen getötet und verspeist“, erklärt Birthe Lehnberg.

Diese Tiere haben während der Steinzeit in der Gegend um Gifhorn gelebt.
Diese Tiere haben während der Steinzeit in der Gegend um Gifhorn gelebt. (Foto: Beate Zeihres)

Ich lerne, dass sich die Bewohner des Isetals in der Jungsteinzeit von Jägern und Sammlern zu Bauern entwickelten und sesshaft wurden. Sie bauten Getreide an stellten Gegenstände aus Keramik her.  „Keramik hat den Vorteil, dass sie im Boden liegend nicht vergeht“, sagt die Museumsleiterin. Deshalb sind in den Vitrinen einige Stücke aus Keramik zu sehen.

Ein Highlight: der Einbaum aus der Ise

Doch auch Erzeugnisse der nachfolgenden Epoche – Beile aus der Bronzezeit – sind erhalten geblieben. Das Lieblingsstück der Besucher im Untergeschoss ist allerdings der Einbaum aus der Ise. „Man hat den Holzeinbaum in der Ise gefunden, geborgen und konserviert. Er ist etwa 700 nach Christus gesunken und hat sich im Morast wunderbar gehalten“, erzählt Birthe Lehnberg.

Der Einbaum aus der Ise.
Der Einbaum aus der Ise. (Foto: Beate Ziehres)

Nun nehmen wir die Treppe ins Erdgeschoss. Die Ausstellung widmet sich hier dem Zeitraum vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit. Warum ist hier an der Mündung der Ise in die Aller eine Stadt – Gifhorn – entstanden? „Die Gegend um Gifhorn herum ist ja eher sumpfig. Aber hier konnte man durch Furten Ise und Aller trockenen Fußes überqueren. Deshalb führten hier wichtige Handelsstraßen entlang“, so Lehnberg. Sie nennt die alte Salzstraße von Braunschweig nach Lüneburg, heute die Bundesstraße 4. Die B 188 ist hingegen die Nachfolgerin der historischen Kornstraße von Magdeburg nach Celle. Im Bereich des heutigen Steinwegs, der Fußgängerzone Gifhorns, kreuzten sich die beiden bedeutsamen Handelsstraßen.

Darum wurde in Gifhorn ein Schloss gebaut

„Der Kreuzungspunkt war der perfekte Ort. Eine Zollstation und Brücken entstanden, und wahrscheinlich schon im 10. Jahrhundert eine Burg“, weiß Birthe Lehnberg. Die Burg, die an der Stelle des heutigen Rathauses stand, brannte 1519 während der Hildesheimer Stiftsfehde ab. Weil die Stelle so gut war, begannen die Welfen im Jahr 1525 in direkter Nachbarschaft, ein Schloss zu bauen – Schloss Gifhorn.

Der Schlossbau markierte den Start des wohl glorreichsten Jahrzehnts in der Geschichte Gifhorns: Die Stadt wurde 1539 Sitz des Herzogtums Gifhorn, zu dem auch das Amt Fallersleben und das Klosteramt Isenhagen zählten. Herzog Franz von Braunschweig-Lüneburg trieb den Bau des Schlosses und der Kapelle voran. Doch als Franz im Jahr 1549 ohne männlichen Nachkommen starb, fiel Gifhorn wieder zurück ans Herzogtum Braunschweig-Lüneburg.

„Franz hat richtig Gas gegeben und einen Baumeister aus Celle abgeworben“, erklärt Birthe Lehnberg. Besonderen Wert legte der Herzog wohl auf die Schlosskapelle. „Sie ist nach Torgau die älteste für den protestantischen Glauben gebaute Kapelle und wurde 1547 geweiht“, ergänzt Lehnberg.

 

Wo Klara und Franz beteten

Unser Rundgang führt auf die beiden Emporen, wo das Herzogspaar getrennt den Gottesdiensten beiwohnte. Auf der ersten Empore saß Franz, auf der zweiten Empore Herzogin Klara mit ihrem Gefolge. Franz ist – wie von Anfang an geplant – in der Schlosskapelle bestattet. Klara, die Franz erst 1547 nach elfjähriger Verlobungszeit geheiratet hatte, verließ nach Franz’ Tod Gifhorn.

Herzog Franz’ Gnadenpfennig wurde an verdiente Menschen verliehen.
Herzog Franz’ Gnadenpfennig wurde an verdiente Menschen verliehen. (Foto: Beate Ziehres)

Bis heute finden in der Schlosskapelle Gottesdienste, Hochzeiten und Taufen statt. Der ursprüngliche Altar ist allerdings nicht mehr in Gifhorn, er wird im Landesmuseum in Hannover ausgestellt. Deshalb bemühte man sich Ende der 1970er-Jahre um Ersatz. Seitdem ist Johannes Grützkes Bild „Der ungläubige Thomas“ Blickfang über dem Altar.

Blick von der Empore auf den Altar der Schlosskapelle.
Blick von der Empore auf den Altar der Schlosskapelle. (Foto: Beate Ziehres)

Vom Leben in der Stadt und auf dem Land...

Wieder sind wir eine Treppe hochgestiegen – das Historische Museum Schloss Gifhorn ist leider nicht barrierefrei – und sind in der Abteilung angekommen, die das 19. Jahrhundert thematisiert. Es geht um das Leben auf dem Land und in der Stadt, um das ehemalige Bürgertum und darum, wie sich das Leben der Menschen mit der beginnenden Industrialisierung verändert hat.

Viele Gifhorner, die früher als selbstständige Handwerker oder in der Landwirtschaft tätig waren, nahmen eine Arbeit in der Glashütte an. Das Unternehmen, das für Gifhorn den Beginn der Industrialisierung markierte, wird ebenfalls beleuchtet.

Ein besonderer Schatz des Museums ist die Rethener Kreuzigungsgruppe. Die kunsthistorisch bedeutsame Arbeit aus Lindenholz wurde 1525 von Levin Storch geschaffen. Die Rethener Kreuzigungsgruppe ist in einem eigenen Raum aufgestellt und nur durch eine große Glaswand zu betrachten.

Die Rethener Kreuzigungsgruppe.
Die Rethener Kreuzigungsgruppe. (Foto: Rüdiger Rodloff)

... im Moor und in der Naturkundeabteilung

Im 2. Obergeschoss geht es unter anderem um das beschwerliche Leben und die Arbeit im Moor. Schließlich umfasst der Landkreis Gifhorn große Moorgebiete, in denen die Menschen bis vor nicht allzu langer Zeit Torf gestochen und vermarktet haben.

Ausstattungsgegenstände für das Leben und Arbeiten im Moor.
Ausstattungsgegenstände für das Leben und Arbeiten im Moor. (Foto: Beate Ziehres)

Außerdem befindet sich hier oben unter dem Dach das tierische Highlight des Historischen Museums Schloss Gifhorn: ein prächtiger, präparierter Wolf. „Es ist der letzte Wolf, der im Landkreis Gifhorn geschossen wurde“, erklärt Birthe Lehnberg. Das Tier kam 1956 – viele Jahrzehnte, nachdem in der Gegend der letzte Wolf gesichtet worden war – aus Sibirien und bezahle seine Wanderlust direkt mit dem Leben.

Der Wolf gab den Anstoß zum Aufbau der Naturkundeabteilung des Museums. So freuen sich heute besonders die Kinder über die präparierten Tiere aus der Region in den Vitrinen.

Doch nicht alle Tiere, die auf dem Dachboden des Schlosses leben, sind tot. Mit Entsetzen vernehme ich bei meinem Besuch eindeutige Geräusche hinter der Wandverkleidung. Birthe Lehnberg quittiert meinen Schreck mit einem Lachen. „Das ist ein quicklebendiger Marder“, erklärt sie den erheblichen Lärm.

Museumsleiterin Birthe Lehnberg in Zwiesprache mit dem Wolf.
Museumsleiterin Birthe Lehnberg in Zwiesprache mit dem Wolf. (Foto: Beate Ziehres)
Aufbau der Bauhaus-Ausstellung (09.09.2020 bis 14.03.2021)

Sonderausstellung verlängert bis Ende August 2020

Damit habe ich sämtliche Höhepunkte und Schätze der Dauerausstellung erkundet. Doch halt: Auf der Eingangsebene gibt es im Sonderausstellungsbereich in den Kasematten ebenfalls Erstaunliches zu sehen: die Ausstellung „Ist das wirklich aus Papier – Streifzug durch die Welt des Kartonmodellbaus“. Und diese Frage stelle ich mir auch. Denn in den Vitrinen stehen Miniatur-Straßenzüge, Technik und vieles mehr. Sogar berühmte Verbrechen wurden aus Papier nachgebaut. Sehenswert! Die Sonderausstellung bleibt noch bis zum 30. August im Historischen Museum Schloss Gifhorn.

Die Papierausstellung zeigt einen norddeutschen Krabbenkutterhafen aus Papier
Ein norddeutscher Krabbenkutterhafen aus Papier. (Foto: Beate Ziehres)

Hinweis: Informationen über geänderte Öffnungszeiten in Zeiten von Corona sind auf der Webseite https://www.museen-gifhorn.de/historisches-museum-schloss-gifhorn/ oder auf der Facebook-Seite des Historischen Museums Schloss Gifhorn erhältlich. 

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38518 Gifhorn