Erste Ruhe

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Ausstellung
Die Gruppenausstellung „Erste Ruhe“, kuratiert von Fabian Schneiker und Mia Kleier, versammelt Arbeiten von 7 Künstler:innenl. Dabei reagieren sie alle auf die ursprüngliche Funktion der Malerkapelle als Begräbniskapelle.
Die Gruppenausstellung „Erste Ruhe“, kuratiert von Fabian Schneiker und Mia Kleier, versammelt Arbeiten der Künstler:innen Philip Nürnberger, Sven-Julien Kanclersky, Nike Kühn, Martin Pöll, Sarah Schmidtlein, Lea Schürmann, und Christian Holl. Auf die ursprüngliche Funktion der Malerkapelle als Begräbniskapelle eingehend, reagieren die Künstler:innen auf die auratischen, funktionalen, rituellen, und architektonischen Eigenschaften des Raumes.
So hat Philip Nürnberger eine installative Arbeit konzipiert, die sich eben nicht mit der Angst vor dem Tod beschäftigt, sondern ganz im Gegenteil mit der ebenso angebrachten Angst vor einem unter Posthumanist:innen und Tech-Bros angestrebtem ewigen Leben durch die Möglichkeiten der Digitalisierung: Aus dem Versprechen wird mitunter auch eine FOMO-befeuerte Androhung. Wichtige Elemente sind dabei die Auseinandersetzung mit Prozessen wie Gamification und Disziplinen wie Game Theory, die im aktuellen sozioökonimschen Klima genutzt werden, um die Finanzialisierung auch der letzten Nische des Privaten voranzutreiben.
Ebenfalls installativ, aber inhaltlich viel zurückgenommener, agiert Sven Kanclersky mit Fly Away/Walking in the Sunshine, einer kleinen, vermeintlichen Dixi-Toiletten-Tür, die nirgendwohin führt: Durch die Unmöglichkeit ihrer Durchschreitung wird der Raum dahinter zum unerreichbaren Sehnsuchtsort, der piktografisch auf der Tür selbst in Reliefform angedeutet wird. Die Hochglanzoptik der Tür konterkariert das sonst alles andere als glamouröse Image mobiler Sanitärsysteme. Farbe und Motiv unterstreichen dabei die Naivität nicht nur des verwehrten Eskapismus, sondern lassen auch genug Raum, um mit eigen Vorstellungen eines idealen Ortes (eines Himmels?) aufgeladen zu werden.
Nike Kühn nun befasst sich nicht mit unserer individuellen Sterblichkeit, noch nicht einmal mit der Sterblichkeit der gesamten Menschheit, sondern mit dem Aussterben an sich. Wenn das 6. große Massenaussterben, durch das die biologische Vielfalt momentan weltweit mit solcher Geschwindigkeit abnimmt, dass sich die Welt in einhundert Jahren kaum modellieren, geschweige denn vorstellen lässt, das Leben auf der Erde dezimiert hat, was bleibt dann übrig? Auf das Überleben welcher Arten kann man hoffen oder gar setzen? Kühn deutet mit ihrer Arbeit nicht in eine definitive Zukunft, sondern verweist auf die Vergangenheit: Beim letzten Mal zählte zu den Siegern vor allem eine Pflanze, die Farne. Zwar erinnern Kühns Objekte – bedruckte Kissen, die zum Verweilen einladen – auch an Leichentücher und den menschlichen Thorax, doch man darf an dieser Stelle nicht zu sehr anthropomorphisieren: Bei diesem Massenaussterben geht es nicht um uns, sondern um ein ganzes Erdzeitalter.
Martin Pölls zurückhaltende, durch ihre Fragmentarisierung an ein Puzzle erinnernde Arbeit schlägt in eine ganz andere Kerbe, obwohl das Motiv Kühns sehr ähnelt. Hart und dunkel, mit Schwarz als Farbe der Trauer, verrät der Titel von „Ode an eine Seerose“, dass wir hier etwas besingen oder zelebrieren, das unter Umständen sogar vom vorliegenden Objekt portraitiert wird: eine Pflanze, vielleicht verstorben, nicht als schlichter Vertreter einer Art abgebildet, sondern durch die poetische Reduktion ironischerweise zum Individuum gemacht. Der Prozess des Werdens und Vergehens bei der Pflanze wurde angehalten. Die Zeit steht für sie still, die Ewigkeit findet ihre Abbildung.
Wir bleiben in der Pflanzenwelt – zum Teil, und ganz, und doch nur größtenteils: Lea Schürmann und Christian Holls Interesse fokussiert sich auf Landschaften. Der Titel Terrain verweist auf einen Landschaftsbegriff, der neben ökologischen, geographischen, kosmischen und klimatischen u.A. auch zivilisatorische Aspekte und ihre komplexen Verschränkungen miteinander beschreibt. In zeitgenössischen Friedwäldern zeichnet sich eine Sehnsucht ab, den Friedhof nicht mehr als Fast-Nicht-Ort, als an die Zivilisation gekoppelten, aber aus dem Alltag ausgeschlossenen Raum zu behandeln, sondern stattdessen geliebte Körper wieder Teil der Landschaft werden zu lassen. Zu dieser Entwicklung gehört auch die Einsicht, dass der menschliche Körper keine außerordentliche Rolle im Universum spielt – er ist nicht inkompatibel mit den Regeln, nach denen leblose organische Masse chemisch und bakteriell umgewandelt wird. Vielmehr ist er schon immer fester Bestandteil der Prozesse und Wandlungen seiner Umgebung.
Zuletzt zeigt Sarah Schmidtlein eine leichtherzige, durch ihre bloße Existenz als Objekt etwas fassungslos machende Gedenktafel auf Rädern: Mobile Trauer für unterwegs, ideal für den eiligen Menschen von heute, schnell umfunktionier- und verschiebbar im Falle spontaner Tragödien. Nach der Finanzialisierung des ewigen Lebens bei Philip Nürnberger ist es nur logisch, dass die Kommodifizierung der Trauer und des Gedenkens sich auch als dystopische Option anbietet. Das ist ja noch nicht einmal etwas Neues: Trauer als performativer, öffentlicher Act ist eine Realität unserer Medienlandschaft. Im Vergleich zur strengen visuellen Dramaturgie, die Trauernde für den Abschied von geliebten Menschen erlernen und durchhalten müssen, ist Schmidtleins Arbeit durch ihre aufdringliche physische Präsenz, ihre nicht weg-klickbare Realität, fast schon eher ein Schritt in die richtige Richtung.

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